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Wuppertal: Die Gemeinschaft am Bruch verband Arbeit und Religion

Engels-Jahr : Die Gemeinschaft am Bruch verband Arbeit und Religion

Rheiner Rhefus über die Arbeiterhäuser der Familie Engels an der Wittensteinstraße

An der Wittensteinstraße (Nr. 282 und 284) sind noch zwei der etwa 40 Produktions- und Arbeiterhäuser der Manufaktur Caspar Engels – Söhne erhalten. Hier wohnten jeweils zwei Familien in einem Haus. Jede Familie hatte zwei Zimmer: In einem wurde gewohnt und gearbeitet, das andere war das Schlafzimmer. Etwa 300 Facharbeiter arbeiteten in der Bänder- und Litzenfabrikation, der Pottascheproduktion und auf den Bleichereien der Manufaktur. Die hier erzeugte „Langette“ wurde in vielen Regionen Deutschlands und in Frankreich vertrieben.

Die Familie Engels ließ auf dem Firmengelände eine Reihe Häuser errichten. So konnten die zunächst verstreut lebenden Heimarbeiter um die Manufaktur konzentriert und die Arbeitsschritte – die Arbeitsteilung, die der große Vorteil der manufakturmäßigen Fertigung war – noch stärker genutzt werden.

Die Gemeinschaft am Bruch war nicht nur durch die Arbeit miteinander verbunden, sondern auch durch ein religiöses Band, den gemeinsamen calvinistisch-pietistischen Glauben.

Zwei der Fabrik- und Arbeiterhäuser der Manufaktur Johann Caspar Engels blieben erhalten. Sie entstanden 1785. Foto: Reiner Rhefus

Für einen „rechtschaffenen Lebenswandel“ trug der patriarchalische und pietistische Unternehmer Mitverantwortung. Es gab einen Laden mit preiswerten Lebensmitteln, eine Schule für die Kinder und eine gewisse Fürsorge im Krankheitsfall. Sparsamkeit und Fleiß lagen in seinem Interesse und konnten in der Kolonie besser kontrolliert werden.

Die Arbeitszeit (vor 1800) in einer pietistischen Bandwirkerfamilie begann um fünf Uhr morgens und endete um 21 Uhr am Abend. Dies entsprach in etwa dem Anspruch Zinsendorfs (1700-1760), des pietistischen Theologen und Gründer der Herrenhuter Brüdergemeinde.

Das Unternehmen genoss sowohl wegen der hier hergestellten Artikel als auch wegen der fortschrittlichen Arbeiterfürsorge einen Ruf, der weit über das Wuppertal hinaus ging. So besuchte der Landesherr Karl Theodor von Pfalz-Bayern (1724-1799) die Manufaktur im Jahr 1785, als die Arbeiterhäuser gerade fertiggestellt waren.

Auch Friedrichs Vater stand in der pietistischen Tradition und glaubte, dass die Arbeit dem Menschen ein Bedürfnis sei, wenn er nicht verkommen soll. „Grade der Fabrikherr habe die meiste Gelegenheit, im weiteren Kreise seinen Mitmenschen zu nützen. Nimm das Verhältniß unserer Arbeiter im Bruch an, konnte es ein besseres geben?“, schrieb er 1845 in einem Brief an seinen Schwager.

Diese fürsorgliche Gemeinschaft hat sich in den 1820er Jahren – in Engels Jugendjahren – mehr und mehr aufgelöst, aber sie war sicherlich noch ein markantes Gegenbeispiel, als sich der 23-Jährige mit den Arbeitsbedingungen in Manchester befasste und die bis heute lesenswerte Studie „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ verfasste.

Diese auf gemeinsamer Arbeit und gemeinsamen – religiösen – Vorstellungen beruhende Gemeinschaft mag Friedrich Engels jun. auch vorgeschwebt haben, als er schon als junger Mann eine – mit anderen Besitz- und Machtverhältnissen versehene – kommunistische Gesellschaft propagierte.