Wuppertal: Der Schock in der Beyeröhde sitzt noch immer tief

Unglück : Der Schock in der Beyeröhde sitzt noch immer tief

Die WZ besuchte das Viertel acht Monate nach der plötzlichen Evakuierung. Die lange Ungewissheit quälte die Menschen.

Ein paar zarte Pflänzchen haben sich auf der Fahrbahn der Straße Beyeröhde in die Höhe gereckt. Seit acht Monaten rollen auf einem Teilabschnitt vor den drei einsturzgefährdeten Häusern keine Autos mehr, die sie stören könnten. „Lebensgefahr! Betreten verboten“ - diese eindeutige Warnung steht auf dem Absperrzaun, der dieses kleine Stück Beyeröhde von dem Leben drumherum abschirmt. Auf der Straße mag schon das Grün gedeihen, doch Gras ist über den Beinahe-Einsturz eines Hauses im Viertel noch lange nicht gewachsen.

Monika Stanic (38) wohnt ein paar Häuser weiter an der Straße Beyeröhde. Sie sagt: „Das Grundgefühl ist schon komisch.“ Gerade unmittelbar nach dem Vorfall war die ganze Nachbarschaft auf den Beinen und die Verunsicherung groß. Sie erinnert sich: „Die Informationen waren ja zu Beginn ganz spärlich.“ Da habe man sich dann schon gefragt: Wen kann es denn noch treffen? Mehrere Wochen verblieb das Viertel in Ungewissheit. Eine Nachbarin sei in dieser Phase weggezogen.

Bei Birgitta Sandrock (65) hatte der Vorfall im März dieses Jahres alte Erinnerungen wachgerufen. Vor etwa 20 Jahren sei schon einmal ein Haus in der Beyeröhde eingestürzt. Sie zeigt auf ein paar Garagen, die nur ein paar Hundert Meter entfernt an der Galmeistraße zu sehen sind. „Da stand es.“ Für Sandrock und ihren Mann war das damals ein Schock. Sie hatten sich ihr Haus gerade gekauft, da kommt es in der Nachbarschaft zu dem Einsturz. „Klar beschäftigt man sich damit“, sagt Sandrock, obwohl die Ursache für die Tragödie damals anders gelagert war und ein Gasaustritt eine Rolle gespielt haben soll.

Das Auto parkte genau
vor dem beschädigten Haus

Trotzdem war es für Sandrock ein Déjà-Vu als – wieder nur ein paar Häuser weiter – Menschen abermals überstürzt ihre Wohnungen hinter sich lassen mussten. „Wir waren zu dem Zeitpunkt gar nicht zu Hause“, wirft Sandrock ein. Trotzdem habe sie sofort von dem Blaulicht-Einsatz erfahren – denn ihr Wagen parkte zufällig genau vor dem einsturzgefährdeten Gründerzeit-Haus und musste umgesetzt werden.

Özay Saglar zieht schon bald zurück an die Straße Beyeröhde, zurück ins vertraute Viertel. Ganz nah an die alte Wohnung, die sie im März mit ihren drei Kindern so überhastet verlassen musste. In ihrer Übergangswohnung in Heckinghausen kam die Familie nicht zurecht. Das ist ein klarer Trend bei den Evakuierten: Alle sind der Beyeröhde treu geblieben.

Finanzielle Sorgen treiben die Mutter um, seit sie das komplette Hab und Gut im Haus mit der Nummer 45 zurücklassen musste. Den neuen Fernseher der Söhne genauso wie alle Erinnerungsstücke. „Die persönlichen Sachen fehlen mir am meisten.“ Nun wartet sie auf die Entschädigungszahlungen, weil sie ihren Kindern wieder etwas bieten will. „Gerade jetzt vor Weihnachten, höre ich sie immer wieder nach ihren Sachen schreien“, sagt Saglar, die sich nach eigenen Angaben verschulden musste.

Pfarrerin Heike Ernsting freut sich für die Betroffenen, dass der Punkt der Haftung nun geklärt ist. „Das war die ganz große Frage: Was ist die Ursache, wer zahlt?“, sagt sie. Die Pastorin der evangelischen Kirchengemeinde Langerfeld war regelmäßig bei den Treffen der Anwohner nach dem Unglück dabei. Diese kamen bis zu den Sommerferien noch alle zwei Wochen zusammen und tauschten sich aus. Auch andere Nachbarn interessierten sich. „Viele wollten wissen: Passiert mir das als nächstes?“ Die Betroffenen seien bis heute eng verbunden und im ständigen Austausch, auch wenn es die Treffen – bei denen Martina Eckermann stellvertretend für Stadt teilnahm – dann irgendwann nicht mehr gab. Weil es keine Neuigkeiten mehr gab. Doch genau das fanden viele schlimm.