Offen gesagt Der Tunnelblick im Wohnungsbau in Wuppertal

Wuppertal · Flächen gibt es in Wuppertal, Geld nicht. Mit Tunnelblick im Wohnungsbau lässt sich daran nichts ändern. Ein Kommentar.

Wuppertal: Das ist der Tunnelblick im Wohnungsbau ​
Foto: dpa/Jan Woitas

Glaube nur einer Statistik, die du selbst gefälscht hast, sagt der Volksmund. Aber die Wahrheit ist, dass Zahlen nicht lügen. Die Fehler entstehen in der Interpretation. Dass Wuppertal in einem Jahr grundsätzlich 1000 neue Wohneinheiten benötigt, jedoch nur 300 neu erstellt werden, ist eine Tatsache, die durch sicheres Bewegen im Zahlenraum bis 1000 ein jeder selbst belegen könnte, wenn er denn wollte. Aber hier reicht vermutlich auch ein Blick auf die Entwicklung der Mietpreise. Und wenn der nicht genügt, hilft es, die Baukräne zu zählen, die aufgestellt worden sind, um Wohnungen herstellen zu können. Hin wie her ist das Ergebnis ernüchternd. Deshalb ist der Hinweis darauf richtig, dass Leerstände umgenutzt und für Bürogebäude vorgesehene Flächen neu definiert werden könnten. Eine dieser Flächen befindet sich am Landgericht. Sie gehört dem Unternehmen von Uwe Clees, wie scheinbar der Rest von der Hälfte Wuppertals auch. Der Plan, dort ein Bürohaus zu errichten, scheint aber nicht aufzugehen. Das Grundstück ist eingefriedet, wurde anscheinend auch schon gerodet. Aber Mutter Natur holt sich langsam zurück, was ihr genommen wurde. Und Büros wird sie an dieser Stelle aller Wahrscheinlichkeit nicht ertragen müssen. Die benötigt niemand mehr. Schließlich ist die Heimarbeit zurück auch im Bergischen Land. Aber anders als früher werden nicht Bänder gewirkt oder Tücher gewebt, sondern Daten verwaltet, Verträge abgeschlossen, Beratungsgespräche geführt, Ausgaben und Einnahmen kontrolliert und so weiter und so fort. Nicht auszudenken, was da noch alles möglich ist, wenn Wuppertal irgendwann einmal im digitalen Zeitalter ankommt.

Also Wohnhäuser statt Büroklötze, und wenn, dann vielleicht auch ein bisschen mehr für Menschen, bei denen am Ende des Monats noch Geld übrig ist. Neben preisgünstigem Wohnraum benötigt diese Stadt auch das Signal, Zuzug mit Einkommen willkommen heißen zu wollen. Denn von so einem Zuzug hängt einiges ab. Gut- bis Besserverdiener stärken die allgemeine Kaufkraft einer Stadt. Das ist gut für den Einzelhandel. Und was gut ist für den Einzelhandel, das hilft auch der Entwicklung der Stadtzentren. Gerade hier stellen sich Rat und Verwaltung jeden Tag größer werdenden Aufgaben. Einkommensstarker Zuzug ist aber auch für die Kulturlandschaft gut. Denn Bühnen und Galerien können auf Dauer nur dann funktionieren, wenn ihre Angebote nachgefragt werden. Das hat mit Geld zu tun.

Und das Wichtigste ist, dass Bevölkerungsentwicklung im Guten wie im Schlechten mit der Qualität der Bildung einhergeht. Wenn in den Grundschulklassen beinahe nur noch Kinder sitzen, deren erste Fremdsprache Deutsch ist, dann ist das sowohl für die Kinder als auch für deren Lehrerinnen und Lehrer ein Problem. Unter solchen Bedingungen ist es schwierig, im Sinne der Kinder und im Sinne der Gesellschaft erfolgreiche Bildung zu erzeugen.

In Wuppertal gibt es heute schon einige Orte und einige Schulen, die zeigen, dass die Entwicklung einer Stadt auch mit der Zusammensetzung ihrer Bevölkerung zu tun hat. Das lassen Politiker und Stadtverwalter nun schon viel zu lange aus den Augen. Deshalb ist es sehr richtig, beispielsweise Bürobauvorhaben unter die Lupe zu nehmen. Ebenso erfolgversprechend kann der Umbau von Industriegebäuden sein. Aber all das reicht nicht aus, wenn Wuppertal sich nicht dazu durchringt, auch noch zusätzliches Bauland auszuweisen. Wohnen im Grünen ist für viele Menschen beispielsweise in Düsseldorf oder Köln ein Traum, für den sie zwar das Geld haben, aber die Flächen nicht finden können. In Wuppertal ist es umgekehrt. Flächen gibt es, Geld nicht. Mit Tunnelblick im Wohnungsbau lässt sich daran nichts ändern.