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Wuppertal: Corona beschleunigt die Krise der Innenstädte

Einzelhandel in Wuppertal : Wie Corona die Krise der Innenstädte beschleunigt

Im vergangenen Jahr haben vor allem Onlinehändler mehr Umsatz gemacht. In Wuppertal steht der Einzelhandel seit längerem nicht gut da. Die Innenstadt wird sich verändern - müssen.

Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden. Wer online bestellt, kauft eben nicht in der Stadt. Und wer nicht in der Stadt kauft, trägt zu einem Strukturwandel der Innenstädte bei, der nicht nur Wuppertal betrifft. Die Innenstadt, wie wir sie kennen, verändert sich. Das hat nicht nur aktuell mit Corona zu tun. Aber Corona beschleunigt den Wandel, der lange schon wirkt.

Wuppertals Einzelhandel ist ohnehin schwach aufgestellt. Trotz des Status als Oberzentrum kann Wuppertal nicht 100 Prozent der hiesigen Kaufkraft binden - 15 Prozent oder 327 Millionen Euro werden anderweitig ausgegeben. Das heißt auch, dass Wuppertal wenige Kunden aus der Region anzieht.

Der Druck, den dabei der Onlinehandel ausübt, sieht man etwa an der Zahl der gelieferten Pakete in Deutschland. Pro Einwohner sind es 2019 laut der Unternehmensberatung McKinsey 24 Pakete gewesen. 2017 war Wuppertal mit 17 Paketen pro Kopf und Jahr Pakethauptstadt – die Zahl dürfte auch hier deutlich gestiegen sein. Zumal während des Lockdowns.

Die Zahl der Amazon Locker ist von vier auf 18 gestiegen

Damals hat Amazon die ersten vier Locker in der Stadt aufgebaut - Stationen zum Abholen der Pakete. Wuppertal wurde zu der Zeit im Rahmen eines Versuchs im Ruhrgebiet von Amazon direkt mitbeliefert - weil es sich damals schon gelohnt hat, das Gebiet ins Bergische auszuweiten. Heute hat Wuppertal ein eigenes Amazon-Verteilzentrum. Und mittlerweile 18 dieser Locker. Gleichzeitig hat die Post mittlerweile ihr viertes Logistikzentrum in Betrieb. Das Geschäft mit den Paketen wächst offensichtlich.

Das gilt aber auch für den Einzelhandel. Laut Statistischem Landesamt wuchs der Umsatz des Einzelhandels von Januar bis Oktober 2020 gegenüber dem Vorjahr um 3,9 Prozent - aber dazu zählen auch etwa Nahrungsmittel und Heimwerkerbedarf. Den Zahlen zufolge haben Versandhändler ein Plus von 25,1 Prozent beim Umsatz gemacht.

Dennoch sieht es in den Innenstädten wie in Wuppertal nicht gerade rosig aus. Ralf Engel vom Rheinischen Handelsverband hat mehrfach auf die schwierige Lage der lokalen stationären Händler hingewiesen. Er sagt, die Frequenz und der Umsatz in der Corona-Krise seien teilweise um bis zu 60 Prozent zurückgegangen.

Die Gefahr besteht, und das zeigt sich ja in den Zahlen seit 2017 schon offensichtlich, dass die Kunden immer mehr zum Bestellen tendieren - und die Innenstädte sich zum Negativen verändern – noch mehr Leerstände oder noch mehr Billigshops.

Beides gibt es schon. Dazu den Wandel von Handel zu Gastro, wie man an der Herzogstraße deutlich sehen kann. Das ist eine wertige Nutzung der Flächen. Die Stadt bleibt belebt. Auch wenn der Wandel auf Seiten des Handels nicht immer gern gesehen wird.

Dass es in Wuppertal Standortgemeinschaften gibt, die die Straßen und Fassaden verbessern wollen, ist ein Versuch, der Abwärtsspirale Herr zu werden. Die Stadt ist involviert und investiert Millionen in die Aufwertung der Innenstädte. Dazu gibt es Versuche, den Einzelhandel digitaler auszurichten  - aktuell etwa das Prinzip „Click and Collect“, bestellen und abholen, oder über die Plattformen „Barmen liefert“ oder „Online City“.

Innenstadt heißt auch
Handel und Wandel

Stephan Zielke, Inhaber des Walbusch-Lehrstuhls für Multi-Channel-Management an der Bergischen Universität, sagt, dass die Händler, „die neben den stationären Geschäften über einen Onlinekanal verfügen“, besser mit der Krise klarkommen - dass sie Kunden halten und neue gewinnen könnten. „Längerfristig werden diejenigen Händler im Vorteil sein, die Kunden über mehrere Kanäle bedienen können und die Kanäle intelligent miteinander verknüpfen. Es geht also nicht um „Online oder Offline“ sondern um die „Verknüpfung von Online und Offline“.

Das bedeutet aber auch, dass nicht alle Händler mit dem Strukturwandel zurechtkommen - und mit der Coronakrise, die dazukommt. Denn viele Händler sind nicht so digital aufgestellt, wie es nötig wäre - was Ralf Engel immer wieder kritisiert hat. Gleichzeitig entwickelt sich das Versandangebot immer weiter - bis zur Lieferung am selben Tag oder in der selben Stunde.

Der Wandel ist aber lange schon in der Stadt angekommen – an der Poststraße und am Werth werden die Billigläden beklagt, an der Herzogstraße wird jeder Leerstand zur Gastronomie.

Darüber hinaus sieht die Stadtplanung aber mehr Diversifizierung vor – eine Mischung etwa Handel, Wohnen, Gastro, Kultur. Daria Stottrop, bei der IHK zuständig für Handel, meint, dass sich gerade in einer verzweigten Innenstadt wie der Elberfelder etwa Frage stelle, ob man auch in den Nebenstraßen die durchgehenden Schaufenster brauche. Um die Innenstadt zu beleben, schlägt sie vor, die leerstehenden Ladenlokale umzunutzen. Etwa auch mit Kindertagesstätten. Vermieter müssten mit sinkenden Mieten rechnen, daher würden andere Nutzungen zunehmend attraktiver.

Stadt heißt schon immer Handel und Wandel. Das weiß auch die Verwaltung. Die sprach im Zuge der Innenstadtkonferenzen für die Umgestaltung Elberfelds schon davon, Handel, Büro und Wohnen in der Stadt mischen zu wollen,  Luisenviertel, Innenstadt und Hofaue bis zum geplanten Pina Bausch Zentrum zu verbinden. Das sorgt nicht für mehr Einzelhändler. Aber für eine Belebung der Stadt durch diversere Nutzung - auch wenn der Onlinehandel weiter wächst und wächst und wächst. »S. 19