Wuppertal: Als der Sturm der Revolution durchs Tal der Wupper brauste

Buch : Als der Sturm der Revolution durch das Tal der Wupper brauste

Das Buch über das Ende der Monarchie von Reiner Rhefus hat viele Leser verdient.

Die revolutionäre Phase der Jahre 1918/1919 in Deutschland galt lange als die vergessene Revolution. In der kollektiven Erinnerung stand nicht der hoffnungsvolle Anfang der Weimarer Republik, sondern deren Scheitern und das Aufkommen des Nationalsozialismus im Blickpunkt. Dieses schiefe Bild wurde in den vergangenen Monaten in vielfältigen Veröffentlichungen zum 100. Jahrestag des Matrosenaufstandes zum Ende des Ersten Weltkrieges, der Abdankung des Kaisers oder der konstituierenden Sitzung der Nationalversammlung korrigiert.

Die meisten zur deutschen Revolution erschienenen Bücher stellen die Schauplätze Kiel (Matrosenaufstand), München oder Berlin in den Mittelpunkt. Dem Historiker Reiner Rhefus ist es mit seinem Buch „Empor aus Nacht zum Licht“ gelungen, die Revolution aus dem lokalen Blickwinkel zu beleuchten. Dabei ist ihm ein außergewöhnlicher Beitrag über die turbulente Zeit vor der Stadtgründung Wuppertals gelungen.

In seinem 460 Seiten Buch erinnert Rhefus an die Ereignisse in den Wupperstädten Elberfeld und Barmen. Er stellt die Schauplätze, Ereignisse und Akteure im Tal der Wupper in den Mittelpunkt seiner Revolutionsgeschichte. Rhefus ordnet den Umsturz in der Bergischen Region in den großen Zusammenhang nationaler und weltpolitischer Prozesse ein. Vor allem für die Wuppertaler Leser, denen die beschriebenen Orte aus ihrem Alltag bekannt sind, macht er so Geschichte zugänglich und eindrucksvoll erfahrbar. Der Kampf und das politische Ringen zwischen Monarchisten, Demokraten und Kommunisten spielt sich nicht allein im Zentrum der Macht in Berlin, sondern auf den Elberfelder und Barmer Straßen, in der Bahndirektion, am Brausenwerth oder am Neumarkt ab. Dieser Effekt wird durch eine Vielzahl historischer Fotografien verstärkt, die dem Leser die Jahre des revolutionären Wandels anhand von Stadtansichten und zahlreichen Porträts auch optisch intensiv näher bringen.

Auswertung von
acht Tageszeitungen

Reiner Rhefus hat über Jahre hinweg ein umfassendes Quellenstudium betrieben. In der Hauptsache stützt er sich auf die Auswertung der acht Tageszeitungen, die damals alle relevanten politischen Richtungen vertraten und deren Berichte die politische Auseinandersetzung und blutigen Kämpfe ideologisch gefärbt schildern und bewerten. Er beschreibt die Schicksale der Frauen und Männer, die sich in unruhigen Zeiten für Errungenschaften wie den Achtstundentag, Arbeitsämter oder die allgemeine Bildung in Volkshochschulen einsetzten. Er beschreibt die Situation der Menschen im Tal der Wupper, die für die Demokratie auf die Straße gingen, obwohl sie vom Krieg ausgezehrt waren und dieser Jahrhundertkatastrophe Jahre des Aufruhrs und der Entbehrungen folgten. Rhefus berichtet über die tödlichen Schießerei im Kampf um die Bahndirektion, über die Saalschlacht im großen Saal der Stadthalle zwischen dem rechten und linken Lager und andere Ereignisse, die längst in Vergessenheit geraten sind.

Reiner Rhefus ist mit seinem Buch ein großer Wurf gelungen, gerade weil er für seine Recherche einen relativ engen Kreis gezogen hat und sich weitestgehend auf die Wupperstädte konzentriert hat. Daher verliert er sich nicht in den Wirren der Revolution, sondern er geht ihr am Beispiel des Wuppertals auf den Grund. Die Ereignisse vor 100 Jahren ergänzen somit die Wuppertaler Stadtgeschichte, obwohl die Stadtgründung erst zehn Jahre später folgen sollte.

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