Wohnboxen für Obdachlose: Idee eines Wuppertalers löst Debatte aus

Wohnboxen für Obdachlose: Idee eines Wuppertalers löst Debatte aus

Carsten Berger möchte Wohnboxen für Obdachlose bauen lassen - als "Schutz vor Witterung, Gewalt und öffentlichem Zurschaustellen". Dafür gibt es Gegenwind.

Wuppertal. Es ist vielleicht der umstrittenste Vorschlag für das Bürgerbudget — und dabei ohne Zweifel gut gemeint. Denn Carsten Berger möchte sich um eine der schwächsten Gruppen der Gesellschaft kümmern, die Obdachlosen.

Sein Vorschlag: Mikrohäuser oder Wohnboxen für Obdachlose bauen und ihnen zur Verfügung stellen, um ihnen „Schutz vor Witterung, Gewalt und öffentlichem Zurschaustellen zu bieten“, so heißt es im Antrag. Berger hat die Idee aus den Medien. Er hat etwa von Sven Lüdecke aus Köln gelesen, der solche Boxen aus Europaletten, Pressholz, Dachpappe und Rollen aus dem Baumarkt baut.

Berger sagt, er sehe häufig Obdachlose, die sich in der Fußgängerzone einrichten und möchte etwas daran ändern. Er glaubt, die Boxen seien eine gute Idee. Sie böten eine Alternative zu den bestehenden Einrichtungen, in die vielleicht auch einige nicht gehen möchten. Sie könnten die Obdachlosen motivieren, etwas an ihrer Situation zu ändern, wenn sie etwa mithelfen beim Bauen. „Klar hat das etwas Plakatives“, sagt er. Aber deswegen ist es nicht minder ernst gemeint.

Sein Vorschlag kommt aber nicht überall gut an. Jürgen Heimchen von der Elterninitiative für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik Wuppertal sagt, er lehne das „ganz klar ab.“ Für ihn verstoßen die Boxen gegen die Menschwürde. Er sieht Gefahren darin: Was ist mit dem Brandschutz? Was mit der Kontrolle durch Sozialarbeiter? Dem könnten sich Obdachlose entziehen, wenn sie sich in die Boxen einschlössen. In einer Notsituation käme keiner rein und sie auch nicht wieder heraus.

Auch Sozialdezernent Stefan Kühn (SPD) ist zwiegespalten. Er begrüßt, dass sich Bürger um Obdachlose oder Wohnungslose sorgen und für sie engagieren. Er sieht aber mehrere Probleme bei Bergers Konzept. Einerseits glaubt er, dass es der falsche Weg ist, Ersatzunterkünfte anzubieten. „Wir haben 10 000 freie Wohnungen. Wir sollten die Bedürftigen in regulären Wohnraum bringen“, sagt er.

Zudem sorgt er sich, dass die Nutzer der Boxen vom System der Wohnungslosenhilfe abgekoppelt würden. „Das ist keine strukturierte Lösung für die Wohnungslosigkeit.“ Außerdem gebe es in der Stadt bereits genug Übernachtungsmöglichkeiten, die auch alle mit medizinischer, sozialer und psychologischer Hilfe ausgestattet seien.

Berger besteht nicht auf seiner Idee, ist offen für Kritik: Er sagt, die Boxen sollten kein Parallelsystem zur Obdachlosenhilfe begründen und durchaus an das System der Stadt angekoppelt werden. Aber „auf biegen und brechen“ wolle er das nicht durchdrücken. „Ich wollte das Thema nur in die Köpfe kriegen“, sagt er. Aber: „Wenn das System hier so super wäre, würde keiner auf der Straße schlafen“, gibt er zu bedenken.

Laut Kühn gibt es in Wuppertal etwa 20 bis 30 Obdachlose, die auf der Straße schlafen. Hinzu kommen bis zu 300 Wohnungslose, die keine eigene Wohnung haben.

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