Reportage: Wo die Wupper und der Rhein sich vereinen

Reportage : Wo die Wupper und der Rhein sich vereinen

Die WZ folgte dem Fluss von der Wuppertaler Stadtgrenze bis zur Mündung in Leverkusen-Rheindorf.

Die Wupper verlässt Wuppertal so wie sie gekommen ist: gesund und klar. Das war nicht immer so. Über Jahrzehnte richteten die Menschen ihren Stadtfluss übel zu. Rot und blau floss er aus Wuppertal hinaus, weil die Färber ihre Farbe ins Wasser leiteten. Später sorgte die Industrie dafür, dass die Wupper schwarz aus dem Stadtgebiet kroch und sich erst nach Kilometern wieder erholen konnte. Heute plätschert die Wupper munter von Cronenberg nach Müngsten, nachdem sie eine Zeit lang als Stadtgrenze zwischen Wuppertal und Solingen für klare Verhältnisse gesorgt hat.

Kurze Zeit später begegnet die Wupper einem Stahlkoloss. Die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands ist wohl neben der Schwebebahn das eindrucksvollste Bauwerk, das der Fluss kreuzt. Vorbei geht es an vielen freudigen Menschen: den Kaffeeschlürfern am Haus Müngsten, den ausgelassenen Kindern am Minigolfplatz und den schwitzenden Ausflüglern, die sich auf der Schwebefähre von der einen zur anderen Uferseite pumpen.

Irgendwo auf den geschwungenen Wanderwegen trifft die Wupper einen alten Begleiter wieder. Mike Theisen ist unterwegs auf dem 125 Kilometer langen Wupperweg von der Quelle im Oberbergischen Kreis bis zur Mündung in den Rhein. Er war in den vergangenen Tagen auf dem Wanderweg relativ allein unterwegs, lauschte auf der Reise durch das hügelige Land dem Eichelhäher und meint sogar, einen Eisvogel erspäht zu haben. Gut, dass er eine altmodische Karte dabei hat, denn die Wege der Wupper sind nicht immer ergründlich. „Die Beschilderung ist manchmal nicht eindeutig und gelegentlich hilft einem auch das Handy nicht weiter, weil man keinen Empfang hat“, sagt der Düsseldorfer. Bislang hat er den Weg genossen, ist aber schon etwas enttäuscht darüber, dass er auf der Tour den Fluss manchmal stundenlang nicht zu sehen bekommen hat.

Zwei Wuppern und ein Tierheim

Zu Fuße von Schloß Burg baumeln Sommerschuhe über der Wupper. Seit 1952 schweben an dieser Stelle Menschen mit der Seilbahn über den Fluss und danach den Berg zur Burg hinauf. Es war damals die erste Seilbahn NRWs. „Nein, das mache ich nicht“, sagt eine Frau, die skeptisch das luftige Transportmittel beäugt, während ihr Sohn bereits in Richtung Kasse sprintet. Vielleicht auch, weil das Plätschern der Wupper eine so beruhigende Wirkung hat, geht es nur wenige Minuten später dann doch für die ganze Familie aufwärts, 188 Meter in die Höhe.

Die Wupper ist einzigartig? Nun ab dem spektakulären Wupperwehr, quasi der bergischen Variante der Niagarafälle, teilt sich der Fluss auf und plötzlich gibt es für kurze Zeit zwei Wuppern. Auf der Insel zwischen den beiden Strömen gibt das Tierheim Solingen Vierbeinern in schweren Lebenssituationen ein Übergangsheim in außergewöhnlich schöner Umgebung. Nachdem die Wupper sich wieder vereint hat, geht es weiter, vorbei am Wald-Campingplatz Glüder, Schleifermuseum Balkhauser Kotten, einem Spielplatz und Ausflugslokalen. An Wochenenden suchen Menschen in Scharen Erholung im Schoß der Wupper.

Für Ralf Jahn wird die Wupper manchmal zum ungebetenen Besucher. Er betreibt im Wipperkotten eine Messermanufaktur und ist damit einer der wenigen Menschen, die noch die Wupperkraft zur Handwerkskunst nutzen. Wer so nah an der Wupper arbeitet, erlebt sie manchmal auch von der rauen Seite. „Das Haus ist flutgefährdet. Da dringt schon mal Wasser direkt in den Keller ein und umspült die Anlage“, berichtet Jahn. Das sei erst im vergangenen Frühjahr wieder passiert. Das Konstrukt mit dem vom Wasserrad angetriebenen Schleifstein stört das Schauspiel herzlich wenig. „Das macht die Anlage schon seit 4000 Jahren mit“, sagt der Schleifer. Der im 17. Jahrhundert erbaute Kotten ist ein Relikt aus einer anderen Zeit. Als die Handwerkskunst in der Blüte stand, gab es 24 wasserbetriebene Kotten allein auf Solinger Gebiet.

Die letzte Brücke gehört zur A59

Jetzt sind es nur noch ein paar Hundert Meter, bis die Wupper von der Stadt Leichlingen umarmt wird. Ähnlich wie in Wuppertal durchströmt der Fluss das Herz des Ortes und prägt das Stadtbild. Die Geschichtsschreiber gehen davon aus, dass Leichlingen im Mittelalter auf einer Insel in der Wupper gegründet wurde. Heute noch stehen die Häuser dicht am Wasser. 1978 entstand ein ganzes Schulzentrum an der Wupper, nachdem 1965 ein großer Brand das Ende der Jahrzehnte langen Färberei-Tradition an dieser Stelle besiegelt hatte. Die Realschule an der Wupper trägt den Fluss nicht nur im Namen, die Schüler dürfen an besonderen Tagen auch mal ihren Unterricht auf der Wiese an der Wupper genießen.

„An heißen Tagen gibt es da schon mal ein offenes Klassenzimmer“, erzählt Hausmeister Sascha Hackenbroich. Als die Schule kürzlich ihren Geburtstag feierte, blickten Schüler auch auf die langjährige Beziehung von Schule und Wupper zurück. Und dabei wurde dann an das berühmte „Stinkefrei“ erinnert, sagt Hackenbroich. Das waren die schulfreien Tagen, an denen die verschmutzte Wupper durch ihren penetranten Geruch keinen Unterricht mehr zuließ.

Inzwischen rümpft keiner mehr die Nase über die Wupper. Schon gar nicht im benachbarten Leverkusen, wo sich das Bergische Land und das Rheinland treffen. Auf den Wupperwiesen darf gegrillt werden, und ein kleiner Pfad führt bis runter an das Ufer. Dort können sich Romantiker unter einen Baum an die Wupper setzen und ein paar ruhige Minuten am seichten Wasser genießen, in dem sich der blaue Himmel wunderbar spiegelt.

Endspurt: Die Wupper lässt die Reuschenberger Mühle, eine Eisenbahnbrücke und Hochspannungsleitungen hinter sich. Sie beginnt die mächtige Kraft des Rheins zu spüren. Die allerletzte Brücke vor dem Ziel gehört zur Autobahn 59. Könnte die Wupper hören, dann würde sie sich vielleicht über das gespenstische Heulen zwischen den Brückenstützen wundern, wenn oben Autos über die A59 schießen.

Die letzten Meter: Nur eine kleine Landzunge trennt die Wupper noch vom Rhein. Ein Schiff fährt mit der Wupper um die Wette. Noch ein kleines Stück, die Landzunge verschwindet - und die Wupper vereint sich mit dem Rhein. Die nächste große Reise beginnt. Es geht durch Rheinland, Ruhrgebiet, Niederrhein  und die Niederlande bis zur See.

Angler Hubert Terase lässt seine Rute durch die Luft schnellen. Ob er in der Wupper oder im Rhein fischt lässt sich an dieser Stelle nicht beantworten. Er wartet auf Zander, Barsche und Welse. Beißt ein Lachs an, dann entlässt er den geschützten Fisch wieder ins Wasser.

Für die Wupper ist die Reise beendet, für den Lachs beginnt sie erst. Weil bald die Temperaturen wieder sinken, kehrt er aus der Nordsee über den Rhein zurück, dorthin, wo er groß geworden ist: zu den Laichgründen in der Wupper. Drei bis vier Jahre haben die Fische im Meer verbracht und sehnen sich nun wieder nach der Wupper. Es ist ihre Kinderstube.

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