Messe Techtextil: Riesenumsatz — und irre Rohstoffpreise

Messe Techtextil: Riesenumsatz — und irre Rohstoffpreise

Technische Textilien sind stark gefragt. Die Wuppertaler Unternehmen bewegen sich beim Umsatz häufig auf Rekord-Niveau. Die Sorge gilt den Rohstoffen.

Wuppertal/Frankfurt. Zwei Dinge haben die Wuppertaler Aussteller auf der Messe Techtextil in Frankfurt gemeinsam. Auf die Frage, wie die Geschäfte laufen, antwortet niemand mit einem einschränkenden „eigentlich“ oder „im Grunde“, sondern sagt unmissverständlich „gut“. Und quasi alle Wuppertaler Betriebe klagen über extrem gestiegene Rohstoffpreise. Bei der Baumwolle sind es rund 130 Prozent. Wer kann, reagiert mit Preiserhöhungen. Doch das riskiert nicht jeder.

Quartalsweise macht das aber jetzt zum Beispiel Polyamide High Performance mit Sitz an der Kasinostraße. Viele Patente des Unternehmens haben ihren Ursprung in Tests, die im Textil Technischen Institut (TTI) laufen. Eine der jüngsten Errungenschaften: Ein industrielles Garn aus nachwachsenden Rohstoffen für den temporären Einsatz. Das Unternehmen spricht vom „Start in eine neue Ära“ — zumal das Gewebe nach dem Gebrauch (beispielsweise als Werbebanner bei Shows) auch wieder biologisch abbaubar ist.

Unter anderem mit 3D-gewebten Profilstrukturen präsentiert sich das auf entwicklungsintensive Nischen setzende Unternehmen J.H. vom Baur Sohn. Die Garne gewährleisten eine deutlich höhere Festigkeit im Verbund. Einsatzgebiete sind die Luftfahrt und die Medizin. Flammhemmende Artikel laufen derzeit hingegen bei der Otto Weber Band GmbH besonders gut. Schließlich gilt es, immer strengere Normen zu erfüllen. Die Amohr Technische Textilen GmbH legt den Schwerpunkt auf leitfähige Bänder. Zum Einsatz kommen sie beispielsweise bei der Sitzheizung im Auto.

Schwerpunkt der Geschäftstätigkeit im gerade aus der Umstrukturierung kommenden August Bünger Bob-Textilwerk ist die Naht. Das Werk liefert das Band für die Naht beispielsweise bei Cabrio-Dächern, Skisäcken und Handy-Gürteltaschen.

In den meisten BHs ist an irgendeiner Stelle ein Stück Wuppertal dabei — und das stammt von der Julis Boos jr. GmbH & Co. KG. Doch der europäische Mieder-Markt wächst nicht mehr. Weiteres wichtiges Standbein ist daher der Medizinsektor, zum Beispiel mit Implantatnetzen für den Bauchraum, die sich nach einigen Monaten wieder auflösen.

Seit die Intex Consulting GmbH nach SAP auch IBM als Partner hat, hat das Unternehmen ein Argument mehr, auf sich aufmerksam zu machen. Schon jetzt deckt die Firma aber den Produktions-Software-Bedarf eines typischen Textilbetriebes zu 80 Prozent ab, wie es heißt.

YKK Stocko Fasteners GmbH bietet verstärkt Druckknöpfe dort als Lösung an, wo nicht gebohrt werden kann. Auf der Messe werden zudem unter anderem die Markierungen für die Kindersitz-Isofix-Lösungen angeboten. Zu sehen ist auch ein Panikreißverschluss an Arbeitsjacken. Damit lässt sich die Jacke öffnen, falls der Träger zum Beispiel irgendwo festhängt.

Eine besondere Sicht auf die Krise und deren Dauer bietet die Geschäftsführung der Artur Mönch GmbH & Co. KG. These: „Die Krise war nicht lang genug.“ Denn in dieser Krise seien etliche Unternehmen etwa über das Instrument der Kurzarbeit gestützt worden, die den Markt zuvor mit zu niedrigen Preisen ordentlich unter Druck gebracht hätten. Nun hätten sie die Krise gemeistert — und setzten den Markt wieder mit zu niedrigem Preisniveau unter Druck.

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