Schwebebahn-Pläne Wird Berlin wuppertalisiert?

Wuppertal · Verschiedene Medien ziehen Vergleiche zwischen Wuppertal und Berlin – nicht nur wegen Schwebebahn-Plänen in der Hauptstadt.

Die Berliner Magnetbahn im Jahr 1991: Sie wurde nach der Wiedervereinigung abgeschafft. Nun gibt es einen neuen Vorstoß für eine Teststrecke.

Die Berliner Magnetbahn im Jahr 1991: Sie wurde nach der Wiedervereinigung abgeschafft. Nun gibt es einen neuen Vorstoß für eine Teststrecke.

Foto: dpa/Bernd Settnik

Berlin will eine Schwebebahn testen. Eine Magnetschwebebahn. Das hat die schwarz-rote Koalition Ende November bekannt gemacht, sie rechnet mit Kosten von 80 Millionen Euro für eine fünf bis sieben Kilometer lange Strecke in der Innenstadt, mittlerweile gibt es schon höhere Kostenschätzungen. Von einer „Wuppertalisierung Berlins“ schreibt Tagesspiegel-Korrespondent Daniel Böldt – die er für eine schlechte Idee hält. Er zählt fünf Gründe auf, warum Berlin keine Schwebebahn braucht. Gegen Schwebebahnen als Verkehrsmittel scheint er nichts zu haben, findet den Vorschlag für Berlin aber dreist.

Geld solle nicht in Luftschlösser gesteckt werden, sondern in den bestehenden Nahverkehr, der vom Verkehrsbetrieb wegen Personalmangels ausgedünnt wird. (Randbemerkung: Das passiert auch in Wuppertal.) Als zweiten Grund führt Daniel Böldt an, dass ein neues Verkehrsmittel eine Insellösung sei, die nur mit viel Aufwand an das Netz angebunden werden kann. Er fragt außerdem, wo die Strecke gebaut werden soll, über die Friedrichstraße, auf den Alexanderplatz oder quer durch den Tiergarten? (Noch eine Randbemerkung: In Wuppertal hat man sich damals vor allem wegen Platzmangels für die Schwebebahn entschieden, der Raum über dem Fluss war noch frei. Warum also nicht über die Spree nachdenken?)

Als vierten Grund führt er an, dass eine Magnetschwebebahn die effizienteste Lösung zur CO2-Reduktion sein muss, um sie wie geplant aus dem Klima-Sondervermögen finanzieren zu können. Er wünsche dem Institut, das dies nachweisen muss, viel Spaß. Sein letzter Kritikpunkt: Die CDU sei angetreten, insbesondere Berlins Außenbezirke in den Blick zu nehmen. „Die Ankündigung einer fünf Kilometer kurzen Schwebebahn in der Innenstadt muss allen Pendlern, die sich morgens in die City quälen, wie Hohn vorkommen.“

Optisch hätte die Magnetschwebebahn übrigens nichts mit der in Wuppertal gemein, die ja eigentlich eine Hängebahn ist. Sie sähe aus wie ein normaler Zug, der nicht auf Schienen läuft, sondern den Magnetfelder in einen leichten Schwebezustand bringen. Eugen Langen, Ingenieur der Wuppertaler Schwebebahn, hat damals übrigens fast gleichzeitig ein Schwebebahn-Projekt in Berlin begonnen, das aber scheiterte, veranlasst durch Kaiser Wilhelm II. persönlich, erinnern die Wuppertaler Stadtwerke – und daran, dass der Kaiser im Jahr 1900 trotzdem eine Probefahrt unternahm.

Berlin-Wuppertal-Vergleiche gehen aber über die Schwebebahn hinaus. „Wer über das Versagen der Bürokratie berichten will, fährt doch nicht nach Wuppertal. Nein, man berichtet aus Berlin“, sagte Michael Müller, damals regierender Bürgermeister der Hauptstadt, 2021 der „Zeit“. Über Berlin werde in den Medien viel geschimpft, doch in anderen Städten laufe es nicht besser.

„Im Hinblick auf die Belanglosigkeit von Städten fallen einem eher andere Orte ein, ohne dass ich jetzt einen explizit nennen will“, reagierte Wuppertals Oberbürgermeister Uwe Schneidewind im Gespräch mit der Rheinischen Post auf die Aussage Michael Müllers – und sprach eine Einladung aus, der dieser jedoch nicht folgte. Die Hauptstadt könne noch etwas von Wuppertal lernen, so Schneidwind: „Zum Beispiel, wie man mit sehr knappen Ressourcen in vielen Bereichen hocheffiziente Prozesse organisieren kann.“ Stichwort: Entbürokratisierung. „Natürlich gibt es Baustellen wie das Ausländeramt und den Baubereich. Noch läuft nicht alles rund.“

Neben Berlin-Wuppertal-Vergleichen gibt es auch Wuppertal-Berlin-Vergleiche. „Das neue Berlin heißt Wuppertal“ ist die Überschrift eines Zeit-Artikels von Hanno Rauterberg aus März 2023. Es geht um kreative Kulturorte, um den Aufbruch, um das Gefühl in der Stadt. „Neuerdings erzählt man sich sogar, dass hier, entlang der gerade stürmisch dahinrauschenden Wupper, ein neues Kraftzentrum der Künste heranwächst, frischer, stärker, auf jeden Fall überraschender als Frankfurt, Köln oder München. Manche sagen: Wuppertal, hey, das ist das neue Berlin.“ Wuppertal als Stadt der Gegensätze, unvollendet, ein Möglichkeitsraum.

Gesprächspartner ist unter anderem der Inhaber einer Werbeagentur, in Berlin lebend und mit einer Filiale in Wuppertal, der sagt, dass er sofort dorthin ziehen würde, wäre er noch einmal 20. Ein Künstler, der erzählt, dass seine Freunde in Berlin neidisch auf das schauen, was sich in Wuppertal tut. Und eine Sammlerin, für die Berlin nicht infrage komme, weil es in Wuppertal unverstellter zugehe, nicht so pflichtgemäß cool. Das Fazit von Hanno Rauterberg: „Weg vom Eurozentrismus, heißt die Devise. Weg vom Paris-, London-, Berlin-Hype. Die Zukunft liegt im Abseits, lautet der neue Megatrend. In Wuppertal hat diese Zukunft lange schon begonnen.“

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