„Wir haben eine Kultur des Förderns“

„Wir haben eine Kultur des Förderns“

84 Kinder wechseln nach den Sommerferien vom Gymnasium auf die Realschule. Dort werden die Klassen voller — zur Last der Lehrer.

Wer in Bayern an ein Gymnasium gehen will, muss in den drei Hauptfächern mindestens einen Notendurchschnitt von 2,33 haben oder sich im Probeunterricht beweisen. In Baden-Württemberg sollten die Kinder in Deutsch und Mathe mindestens einen Schnitt von 2,5 fürs Gymnasium mitbringen, in Sachsen sogar 2,0. In NRW hingegen entscheiden die Eltern, auf welche weiterführende Schule ihr Kind geht. Die Probleme kommen dann oft in der Erprobungsstufe. Dieses Jahr sind es in Wuppertal 84 Kinder, die nach der 6. Klasse vom Gymnasium abgehen müssen und für die ein Platz an einer anderen Schule gefunden werden muss. An den Realschulen Hohenstein und Neue Friedrichstraße werden deshalb zwei neue siebte Klassen eingerichtet.

„Damit werden die ohnehin schon vollen Klassen noch voller“, kritisiert Christian Neumann, Personalrat Realschule bei der Gewerkschaft GEW. 30 bis 32 Schüler pro Klasse seien mittlerweile an Realschulen üblich — obwohl der Richtwert bei 28 Kindern liege. „Bei so großen Klassen wird es schwierig, alle gleichermaßen im Blick zu haben“, sagt Neumann. „Damit bleibt weniger Zeit pro Kind.“ Zudem steige mit wachsender Schülerzahl auch die Belastung für die Lehrer. Denn mehr Schüler bedeuten auch mehr Korrekturen bei Klassenarbeiten, mehr Elterngespräche, mehr Dokumentation.

Die beiden zusätzlichen Klassen benötigen entsprechende Lehrerstunden. „Das ist schwierig, weil die Realschulen personell nicht so gut ausgestattet sind“, erklärt Neumann. Rund drei Lehrer fehlten an jeder der Wuppertaler Realschulen. Stellen nachzubesetzen gestalte sich regelmäßig als schwierig. Bewerber bevorzugen Städte wie Köln oder Düsseldorf. Das Bergische Land hat oft das Nachsehen.

Oft werden in der Not Seiteneinsteiger eingestellt, die über die berufsbegleitende Ausbildung OBAS qualifiziert werden. „Das bedeutet jedoch, dass das Kollegium zusätzlich in Anspruch genommen wird für die Qualifizierung“, sagt Neumann. Gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern sei der Mangel besonders groß. Die Folge: Zuerst fallen Förderstunden weg, dann werden Nebenfächer auf eine Stunde gekürzt. Nur die Hauptfächer werden möglichst vollständig unterrichtet, um die Schüler gut auf ihre Abschlüsse vorzubereiten.

Für die Schüler ist der Abgang vom Gymnasium oft negativ behaftet. „Es ist immer auch die Erfahrung eines Misserfolgs“, hat Realschulleiter Rolf Puller oft erlebt. Andererseits seien viele Schüler auch erleichtert, wenn der Druck wegfällt, wenn sie nicht mehr Leistungsanforderungen erfüllen müssen, die für sie zu hoch sind.

„Aber viele Kinder entwickeln sich durch Förderung so gut, dass sie nach der Realschule die gymnasiale Oberstufe besuchen können“, sagt Puller. Vereinzelt gebe es auch Schüler, die schon in oder am Ende der Erprobungsstufe von der Hauptschule auf die Realschule oder von der Realschule aufs Gymnasium wechseln.

Gerade hatte er eine Fünftklässlerin, der ihre Lehrer nach einem Halbjahr den Wechsel empfahlen. Sie hospitierte zwei Wochen am Gymnasium und konnte dann bleiben, weil auch die neue Schule den Wechsel für sinnvoll hielt.

Die Beratung über die Schullaufbahn nehmen die Lehrer sehr ernst. Sie beginnt bereits vor der Aufnahme. Stimmen die Schulformempfehlung der Grundschule und der Aufnahmewunsch der Eltern nicht überein, beraten an den meisten Schulen Lehrer beider Schulformen, um den besten Weg für den jeweiligen Schüler zu finden. „Insgesamt haben wir eine Kultur des Behaltens, des Förderns“, sagt Puller. Heute würden nur einzelne Schüler pro Klasse die Schulform wechseln, weniger als vor fünf oder zehn Jahren. Durch individuelle Förderung versuchen die Lehrer, jedem Schüler zu helfen.

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