Wie Wuppertal jahrelang um ein Denkmal für Friedrich Engels stritt

90 Jahre Wuppertal : Wie Wuppertal jahrelang um ein Denkmal für Friedrich Engels stritt

Im Engelsgarten steht eine Plastik des Wiener Bildhauers, die einst für heftige Diskussionen sorgte.

Wenn im kommenden Jahr der 200. Geburtstag von Friedrich Engels gefeiert wird, dann sind in Wuppertal eine Vielzahl von Veranstaltungen geplant. Ein Jahr lang wird die Stadt mit Ausstellungen, Aufführungen, Kongressen, Tagungen und Stadtführungen einen Mann in den Mittelpunkt stellen, der mit seinen Ideen die Welt verändert hat. Das Motto lautet „Engels 2020 – Denker, Macher, Wuppertaler“ und ist Ausdruck einer entspannten Haltung der Stadt gegenüber dem Philosophen, der am 28. November 1820 in Barmen geboren wurde. Vom Engelsjahr 2020 erhofft sich die Stadt nationale und internationale Aufmerksamkeit. Ein weiteres Ziel, wie es Oberbürgermeister Andreas Mucke formuliert, ist es, „den Wuppertalern den berühmtesten Sohn der Stadt näher zu bringen“.

Mit der Würdigung von Engels hat sich Wuppertal schwer getan

Nachholbedarf gibt es in diesem Punkt zur Genüge, denn in ihrer 90-jährigen Geschichte hat sich die Stadt Wuppertal mit der Erinnerung an Friedrich Engels oft sehr schwer getan. Erst zum 150. Geburtstag des Revolutionärs im Jahr 1970 wurde das Engelshaus mit einer Ausstellung zum Leben und Werk von Engels eröffnet. Gefeiert wurde am 28. November 1970 in der Stadthalle mit Willy Brandt. „Friedrich Engels war ein großer Deutscher und ich muss sagen, dass ich positiv voreingenommen bin“, sagte der damalige Bundeskanzler und Regierungschef einer sozial-liberalen Regierung.

Die positive Einstellung der Sozialdemokraten, die vor allem die Verdienste von Engels als Sozialrevolutionär und Gesellschaftstheoretiker in den Mittelpunkt stellten, trugen in den Jahren des Kalten Krieges und der deutschen Teilung bei weitem nicht alle Politiker mit. So wurde die Auseinandersetzung mit der historischen Figur des Barmer Industriellen und Wissenschaftlers immer wieder zum Anlass für ideologische Grabenkämpfe genutzt.

Ein bizarres Beispiel lieferte Wuppertal mit dem jahrelangen Streit um das sogenannte Engels-Denkmal. Bevor im Juli 1981 die Plastik aus Carrara-Marmor im Engelsgarten enthüllt werden konnte, sorgten die internen Wuppertaler Diskussionen und die mit harten Bandagen geführten Auseinandersetzungen mit dem Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka über den Preis des Kunstwerkes für ein beachtliches Rauschen im Blätterwald. Bundesweit wurde über die Wirren rund um das Engels-Denkmal berichtet – in vielen Tages- und Fachzeitungen sowie im Stern und Spiegel. Und je nach Blickwinkel des Betrachters lieferte die Stadt eine Komödie oder ein Trauerspiel ab.

Die Geschichte begann 1975, als in einer Kommission für die „Vergabe von künstlerischen Arbeiten an öffentlichen Gebäuden über eine expressive nicht abstrakte Großplastik nachgedacht wurde, die sich für den Bürger nachvollziehbar mit dem Namen Engels verbinden sollte. Einer Dokumentation des Journalisten Enno Hungerland unter dem Titel „Die starke Linke des Alfred Hrdlicka“ ist es zu verdanken, dass das Gezänk um Kunst und Politik, Geld und Macht mit allen Episoden festgehalten ist.

„Außer Alfred Hrdlicka fanden wir keinen lebenden hier greifbaren Künstler, den wir in Anbetracht seiner bisherigen Arbeiten eine solche Aufgabe zugetraut hätten“, heißt es in einer Erinnerung des damaligen Stadtverordneten Michael Hetzelt (SPD). Alfred Hrdlicka war die richtige Wahl. Wer Zweifel daran haben sollte, dem sei der Vergleich zwischen seinem Kunstwerk und der vor einigen Jahren aus China importierten Engels-Statue im Engelsgarten empfohlen. Drei Jahre lang arbeitete sich Hrdlicka ohne Rücksicht auf seine Bandscheiben an einem zwölf Tonnen schweren Block bläulich durchscheinenden Carrara-Marmors und an den bergischen Dickschädeln ab. Im Tal der Wupper wussten sie mit dem bekennenden Marxisten und „sensiblen Choleriker“ nicht umzugehen. Der langjährige Kulturredakteur der Westdeutschen Zeitung, Frank Scurla, kritisierte damals, dass die Verwaltung Briefe nach Wien schickte, statt mit dem Künstler das persönliche Gespräch zu suchen. Dies hatte hingegen Scurla getan und mit eigenen Augen gesehen, welche Knochenarbeit Hrdlicka in seinem Atelier leistete. Den ursprünglich vereinbarten Termin konnte er trotzdem nicht einhalten. Ein erster Marmor-Block im Wert von 15 000 Mark entsprach zudem nicht seinen Vorstellungen.

So forderte Hrdlicka einen Nachschlag in Höhe von 70 000 Mark, was ein gefundenes Fressen für die Kritiker des Projektes in Wuppertal war. Die CDU warf dem Marxisten Hrdlicka Kapitalismus in Reinkultur vor, als er die Lieferung der Skulptur bei Nichtzahlung verweigerte und spöttisch vorschlug, er könne auch einen in der üblichen Form behauenen Grabstein oder eine Limo-Flasche liefern.

Die CDU sprach von einem Wallfahrtsort der Linksradikalen

In Ratsdebatten hatte die CDU davor gewarnt, der Engelsgarten könnte zum Wallfahrtsort für Linksradikale werden. Hrdlicka stachelten die Reaktionen und Forderungen aus Wuppertal nur weiter an. „Ich will die Stadt noch einmal darauf aufmerksam machen, dass das Honorar in keinem Einklang zu der erbrachten Leistung steht und ich es für selbstverständlich halte, dass die Stadt die Transport- und Aufstellungskosten zur Gänze übernimmt“, schrieb er an die Stadtverwaltung.

In der Sitzung des Stadtrats am 23. Februar 1981 wird der Ankauf der Skulptur zum Preis von 300 000 Mark plus Materialkosten beschlossen. Die SPD setzt sich gegen die CDU/FDP mit 32:31 Stimmen durch, weil sich FDP-Ratsmitglied Hans-Joachim Thias der Stimme enthält. Als das Denkmal im Juli enthüllt wird, schätzen Experten seinen Wert schon auf weit mehr als 500 000 Mark. „Die starke Linke“ – wie Alfred Hrdlicka die Skulptur selbst nannte – zählt zu seinen Hauptwerken. Das Kunstwerk zeigt einen Sklaven, der symbolisch für das Proletariat seine Ketten sprengt.

Das wichtigste Werk des 2009 gestorbenen Künstlers – das Mahnmal gegen Faschismus und Krieg – steht auf dem Albertinaplatz im Herzen Wiens.

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