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Wie nachhaltig ist Wuppertal wirklich?

Kritik an WBS-Studie : Wie nachhaltig ist Wuppertal wirklich?

In einer Studie schneidet das Tal schlecht ab. Stadt und Wuppertal Institut kritisieren: Relevante Kriterien fehlen, andere seien zu oberflächlich.

Die Studie der WBS-Gruppe titelt selbstbewusst: „Analyse: Diese deutschen Städte sind besonders nachhaltig“. Wuppertal landet in diesem Ranking gemeinsam mit Duisburg auf Platz 23, damit auf dem drittschlechtesten Platz der 25 untersuchten Städte. An der Spitze der Tabelle landen Stuttgart, Düsseldorf, München und Berlin.

Bei genauerem Hinsehen allerdings erweist sich die Studie als wenig wissenschaftlich: Untersucht werden die Aspekte Verkehr, Nachhaltige Geschäfte und Fridays For Future. Dafür zählt der Preis für Monatskarten für Erwachsene im öffentlichen Nahverkehr (Innenstadt), die Anzahl der zugelassenen Elektro- und Hybridautos sowie die Anzahl an Ladesäulen für Elektroautos gemessen an der Gesamtfläche der jeweiligen Stadt. Bei den nachhaltigen Geschäften analysierte die WBS-Gruppe anhand der Internet-Plattform Tripadvisor die Zahl vegetarischer Restaurants und ermittelte die Menge der Bio- und Unverpacktläden pro Quadratkilometer Stadtfläche. Außerdem floss in die Wertung, wie viele Geschäfte alte Lebensmittel an die Organisation „Too Good To Go“ weitergeben. Für die letzte Kategorie wurden die Menschen gezählt, die der jeweiligen lokalen Bewegung von Fridays for Future auf Facebook, Instagram oder Twitter folgen.

„Diese Kriterien sind nur ein Bruchteil dessen, was eine nachhaltige Stadt ausmacht“, bemängelt Anja Bierwirth aus dem Forschungsbereich Stadtwandel am Wuppertal Institut. „Viele relevante Bereiche fehlen.“ Die Herkunft von Energie etwa werde nicht berücksichtigt, die eine große Rolle beim Ressourcenverbrauch einer Stadt spielt. Oder der Zustand von Gebäuden. Auch innerhalb der Kriterien sieht die Expertin wenig Aussagekraft: Beim Thema Verkehr fehle der Radverkehr komplett. Das führt dazu, dass eine Stadt wie Münster, die bekannt ist für ihre vielen Radfahrer, in dieser Rubrik auf dem drittletzten Platz landet. Auch die tatsächliche Nutzung des ÖPNV spielt keine Rolle.

Problematisch findet Anja Bierwirth, dass der Aspekt „Nachhaltige Geschäfte“ nur anhand von Google Maps und Tripadvisor beurteilt wurde. „Das sind keine Quellen, auf die man seriöse wissenschaftliche Auswertungen stützen könnte.“ Die reine Zahl von Facebook-Followern sei ebenfalls wenig aussagekräftig.

Das Wuppertal Institut hat solch ein Ranking vor kurzem selbst im Auftrag von Greenpeace entwickelt: Dort flossen aber deutlich mehr Zahlen ein, etwa beim Verkehr auch die Nutzerzahlen und die Verfügbarkeit sowie die Straßensicherheit aufgrund von Verkehrsunfallzahlen von Fußgängern und Radfahrern. Auch das Mobilitätsmanagement mit Parkplatzpreisen und Carsharingangeboten, die Luftqualität und die grüne Lunge einer Stadt spielten dort hinein.

Außerdem schlüsselt das Wuppertal Institut alle Kriterien transparent auf, während WBS kaum Erklärungen zu seinem Ranking liefert. „Wir haben die Kriterien so festgelegt, dass sie aus dem Leben der Menschen stammen“, sagt WBS-Geschäftsführer Joachim Giese. „Uns geht es darum, zu zeigen: Wo haben die Menschen besonders leicht Zugang zu nachhaltigen Produkten.“

Andrea Stamm, Klimaschutzbeauftragte der Stadt Wuppertal, kontert: „Diese Kriterien sind völlig willkürlich gewählt und entsprechen überhaupt nicht den üblichen Standards. Außerdem sind sie nicht überprüfbar.“ Zudem müsse die Vergleichbarkeit hinterfragt werden. Eigentlich gebe es festgelegte Kriterien für Nachhaltigkeits-Rankings; diese seien jedoch relativ tiefgreifend – eben um eine sinnvolle und gerechte Vergleichbarkeit zu schaffen. „Die Kriterien des WBS-Rankings sind alles solche, die man schnell im Internet abrufen kann“, sieht sie eine Profilierung der recht unbekannten Organisation auf Kosten der Städte. Sinnvoll sei diese Einordnung jedoch nicht.