Wie fühlt sich eine Behinderung an?

Wie fühlt sich eine Behinderung an?

Beim Projekttag zur Inklusion konnten die Besucher praktisch erleben, wie schwer der Umgang mit Blindenstock und Co. sein kann.

Vohwinkel. Vorsichtig sucht sich Finn mit dem Blindenstock den Weg. Es geht vorbei an Stühlen und Kästen. Auch ein kleiner Balken muss überwunden werden. Der Neunjährige ist ganz auf seinen Tastsinn angewiesen, denn über den Augen trägt er eine tiefschwarze Schlafbrille. Immer wieder muss der Schüler auf dem eigentlich recht kurzen Parcours stoppen, um sich zu orientieren. „Das hätte ich mir leichter vorgestellt“, findet er nach der Übung sichtlich beeindruckt. Über die Situation blinder Menschen hat Finn durch diese persönliche Erfahrung mehr gelernt, als durch etliche Vorträge.

Genau das war die Zielsetzung eines Projekttags zum Thema Inklusion an der Grundschule Radenberg. Die Kinder erlebten ganz praktisch, wie sich das Leben mit einer Behinderung anfühlt. „Das ist für uns eine ganz wichtige Aktion von der die Schüler viel mitnehmen“, sagt Schulleiterin Angela Koppe. Dadurch würden die Sozialkompetenz und das Miteinander von behinderten und nichtbehinderten Kindern gestärkt. An der Grundschule werden auch Schüler mit spastischen und akustischen Einschränkungen unterrichtet. „Wir möchten Behinderungen für Kinder durch das eigene Handeln erfahrbar machen“, ergänzt Koppe. Dies bringe wesentlich mehr als nur eine theoretische Behandlung im Unterricht. Wichtig war den Organisatoren ein spielerischer Ansatz mit dem Schwellenängste abgebaut und die kleinen Teilnehmer nicht überfordert werden sollten. „Die Kinder gehen sehr unbefangen an die Sache heran“, berichtet Vater Sascha Heinzemann, der sich als Helfer beim Projekttag beteiligte.

So hatte die achtjährige Paula sichtlich Spaß daran, mit einer Gehilfe verschiedene Hindernisse zu überwinden und zeigte dabei viel Geschick. „Ich habe schon mal damit geübt, als meine Freundin ein Bein gebrochen hatte“, erzählt sie stolz. Auch für ihre Mitschüler Nikian und Anna war es zunächst eine spannende Erfahrung, mit dem Rollstuhl durch die Turnhalle zu flitzen. Dabei lernten die Siebenjährigen, worauf es beim Lenken und Bremsen ankommt. „Am Anfang habe ich das nicht richtig kapiert, aber dann hat es gut geklappt“, erzählt Nikian. Für Anna war die Vorstellung, nicht mehr aufstehen zu können allerdings auch etwas mulmig. „Es kann ja schnell ein Unfall passieren“, sagt sie. Beide wollen in Zukunft bewusster auf Rollstuhlfahrer achten.

Das ist ganz im Sinne von Ingrid Bembenneck von der Weik Stiftung. Diese setzt sich seit über 20 Jahren für das Thema Inklusion ein und organisiert zusammen mit den Schulen die Projekttage. „Die Kinder erfahren am eigenen Leib, was eine Behinderung bedeutet“, sagt Bembenneck. Das sei eine ganz andere Wahrnehmung.

Andererseits erfuhren die Schüler auch, dass trotz Einschränkungen ein normales Leben möglich ist. So wurden die Kinder unter anderem mit dem Gehörlosenalphabet bekannt gemacht und erlebten hautnah, wie sich blinde Menschen mit vielen Hilfen im Alltag zurechtfinden und sogar einen Computer bedienen können. Die Aktionen beim Projekttag waren auch sonst vielfältig. Die Schüler fuhren etwa mit verbundenen Augen auf dem Radtandem mit, was für einige durchaus eine Überwindung erforderte.

Mit beschwerten Gewichtswesten kletterten die Kinder lange nicht so flink, wie sonst und konnten dadurch die Probleme von starkem Übergewicht nachempfinden. Hauptorganisator Peter Meckenbeck von der Weik Stiftung freute sich über das Engagement der Schüler. „Es macht viel aus zu erleben, wie sich eine schwächere Position anfühlt“, findet Meckenbeck.

An der Grundschule soll der Projekttag in Zukunft wiederholt werden. „Wir möchten möglichst alle Schüler damit erreichen“, sagt Angela Koppe.