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Wie Frauen in Wuppertal um ihr Wahlrecht gekämpft haben

100 Jahre Frauenwahlrecht : Wie Frauen in Wuppertal um ihr Wahlrecht gekämpft haben

Am 19. Januar 1919 durften in Deutschland zum ersten Mal Frauen wählen. Dafür hatten viele lange gekämpft - auch in Wuppertal. Eine Zeitreise.

Bevor vor 100 Jahren Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen konnten, hatten sich viele Frauen und einige Männer für das Frauenwahlrecht eingesetzt. Die beiden Historikerinnen Sigrid Lekebusch und Elke Brychta haben sich auf die Suche nach solchen Akteurinnen und Akteuren im Wuppertal gemacht.

„Das ist ein unheimlich weites Feld“, stellt Sigrid Lekebusch fest, die einen Vortrag für den Bergischen Geschichtsverein vorbereitet. Immer wieder stoße sie auf neue Aspekte, aber es sei nicht leicht, Material zu finden. Das bestätigt Elke Brychta: „Da ist noch wenig aufgearbeitet.“

Ideen verbreiteten sich durch Vorträge und Vereinszeitungen

Sie erläutert, dass Frauen Ende des 19. Jahrhunderts politische Aktivitäten verboten waren. Stattdessen gründeten sie Vereine, die für Bildung und andere Verbesserungen für Frauen eintraten. „Die Frauen haben Netzwerke gebildet“, erklärt Elke Brychta, „auch international“. In Vorträgen hätten sie ihre Anliegen verbreitet, sie in Vereinszeitungen publiziert.

Der größte Verein war der 1865 gegründete Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF). Überall im Land entstanden Ortsgruppen. Für ihn habe eine Antonie Pieper hier Werbung gemacht, berichtet Sigrid Lekebusch. In den 1890er Jahren entstanden in Elberfeld und Barmen Ortsgruppen. Sigrid Lekebusch fand Berichte über eine Frau aus dem Wuppertal, die von den 5000 Teilnehmerinnen einer Frauenkonferenz in Berlin 1912 beeindruckt war.

Die Historikerin verweist außerdem auf bekannte Frauenrechtlerinnen aus Elberfeld wie Helene Stöcker, die von Elberfeld nach Berlin ging. Sie setzte sich hauptsächlich für soziale Themen ein, war aber 1888 auch Mitbegründerin des Vereins „Frauenwohl“, der sich für Frauenrechte und Frauenwahlrecht einsetzte. Sie erinnert auch an die Lehrerin und Politikerin Helene Weber aus Elberfeld, die als Katholikin in der Frauenbewegung eher konservative Ansichten vertrat. Sie war 1918/19 Mitglied der Nationalversammlung, dann Landtags- und Reichtagsabgeordnete, schrieb am Grundgesetz der Bundesrepublik mit.

Vor Ort in Elberfeld engagierte sich Thekla Landé, verheiratet mit dem Juristen Hugo Landé, wie er aus dem bürgerlichen Judentum und SPD-Mitglied, Mutter von vier Kindern. Elke Brychta berichtet, dass sie 1892 den Elberfelder „Bildungsverein für Frauen und Mädchen des arbeitenden Volkes“ mitgründete, der von der Polizei bespitzelt wurde. Sie hielt Vorträge und trat für Frauenrechte ein.

Ab 1905 setzte sie sich ganz praktisch für Bildung ein: Sie organisierte private Realkurse für Mädchen, denn diese durften damals nicht aufs Gymnasium. In den Kursen erhielten sie nachmittags Unterricht von Gymnasiallehrern und konnten nach vier Jahren extern an einem Gymnasium das Abitur ablegen. Unter anderem die Landé-Tochter Charlotte konnte so Medizin studieren und Kinderärztin werden. Diese Kurse „waren etwas ganz Besonderes“, betont Elke Brychta. „Es gab nur wenige Städte, wo das möglich war.“ Nach Elberfeld kamen dafür auch Mädchen aus Essen und Düsseldorf.

Material über Arbeiterfrauen sucht Sigird Lekebusch noch: „Die Frauenvereine der Sozialistinnen waren selten selbstständig, meist Teil der Partei“, erklärt sie. Die Arbeiterinnen hätten ihre Aktivitäten als Lese-, Gesangs- oder Tanzvereine getarnt und seien daher schwer zu finden. Die Forderung nach dem Frauenwahlrecht habe seit 1891 im SPD-Parteiprogramm gestanden. Die Sozialisten gingen jedoch davon aus, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter durch die Revolution automatisch komme.

Engagierte Frauen
stellten sich zur Wahl auf

Während der Revolution 1918, so erklärt Elke Brychta, hätten die Frauen „die Welle genutzt“ – nachdem in der Kriegszeit das Thema „auf Eis gelegt“ war. Bei der allgemeinen Forderung nach Demokratie hätten sie an ihre Forderung nach einem Frauenwahlrecht erinnert: „Die mussten sich schon Gehör verschaffen“, betont sie. Frauenstimmrechtsverbände veröffentlichen Erklärungen, es gab Kundgebungen in großen Städten.

Als die Wahlen tatsächlich anstanden, wurden auch im Wuppertal diejenigen Kandidatinnen, die sich zuvor engagiert hatten, wie Helene Weber und Thekla Landé, erklärt Sigrid Lekebusch. Sie konnten sich in Institutionen bewegen und vor Publikum sprechen. Thekla Landé hielt als Kandidatin für den Rat am 12. Januar 1919 eine Rede in der Stadthalle. Sie wurde bis 1932 Stadtverordnete.

Wuppertal, Remscheid und Solingen begehen das Jubiläum mit einem Empfang und einer Podiumsdiskussion mit Ex-Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth am heutigen Samstag in der Stadthalle.

Sigrid Lekebusch spricht über das Frauenwahlrecht am Donnerstag, 7. März, 19 Uhr, nach der Mitgliederversammlung des Bergischen Geschichtsvereins. Ort: Verwaltungshaus Elberfeld, Neumarkt 10, Raum 202. Eintritt frei.