Wie aus Kindern quiekende Elfen werden

Wie aus Kindern quiekende Elfen werden

Theaterpädagogin Sylvia Martin bringt Schülern das Schauspielen näher. Das sei heute viel schwerer als vor zehn Jahren. Auch den Räuber Hotzenplotz kennen nicht alle.

Den Weg durch die vielen Gänge, über Treppen und durch Türen haben die Fünftklässler der Gesamtschule Haan gut hinter sich gebracht und stürmen die Probebühne. Begeistert füllen sie sofort den großen Raum mit den schwarzen Wänden. „Was ist eigentlich eine Probebühne?“, will Theaterpädagogin Sylvia Martin von ihnen wissen. Eineinhalb Stunden lang bringt sie den Schülern die Welt des Theaters und den Räuber Hotzenplotz im Workshop näher. Anschließend zeigt sie der Klasse bei einer Führung die echte Bühne, die Maske und Schneiderei. Klar, auf der Probebühne können die Schauspieler und Sänger proben, während auf der richtigen Bühne schon ein weiteres Team arbeitet.

Was hingegen die Aufgabe einer Theaterpädagogin ist, da sind die Kinder unschlüssig. „Sie sagt den Schauspielern, was sie tun sollen“, schlägt ein Schüler vor. „Sie guckt, ob das Theater gut ist“, ein anderer. Mit geehrtem Schmunzeln widerspricht Sylvia Martin und zeigt den Besuchern ganz konkret, was eine Theaterpädagogin macht. Nämlich den Schülern mit allen Sinnen vermitteln, was das Theater ausmacht. Erst einmal das Körpergefühl: Die Kinder laufen auf Zehenspitzen, stapfen durch Tiefschnee oder schweben wie die Elfen — manche jedenfalls.

Statt die Geschichte von Seppl, Kaspar und Räuber Hotzenplotz einfach zu erzählen, lässt Sylvia Martin die Schüler Aspekte nachahmen. Wie bewegt sich die Großmutter? Und wie läuft Kaspar, ein Junge mit guter Laune? Woran erkennt man Seppel? „Der Seppel läuft einfach normal“, schlägt Olur vor. Gute Idee — aber wie läuft man „einfach normal“? Wer solche Typen darstellen will, muss seine Mitmenschen auch gut beobachten. Diese Fähigkeit fördert die Theaterpädagogin geschickt, indem sie die Kinder bittet, sich der Größe nach zu sortieren. Es herrscht ein ziemliches Geknubbel, bis die Schüler einigermaßen aufsteigend auf der Linie stehen.

Die nächste Aufgabe ist eine noch größere Herausforderung: Diesmal sollen sie sich entsprechend ihrer Augenfarbe aufstellen. Kassandra läuft erst einmal zur Lehrerin Davina Czekalla: „Habe ich blaue Augen?“ Oder sie müssen bei ihren Klassenkameraden erkennen, was diese an ihrer Kleidung verändert haben.

Im Haus von Zauberer Petrosilius Zwackelmann, der Kaspar gefangen hat, sind unheimliche Geräusche zu hören. Also geben die Kinder nun, eins nach dem anderen, unheimliche Geräusche von sich, glucksen, quieken und säuseln — oder kichern.

Um eine Geschichte zu erzählen, ist gar nicht viel nötig: Wer keine Kulisse zur Verfügung hat, kann sie auch selbst darstellen. Also richten die Schüler das Zauberschloss von Zwackelmann ein: Die eine geht als Tisch in den Vierfüßlerstand, der nächste setzt sich als Stuhl dazu, die Dritte reckt als Pflanze ihre Arme in die Höhe. Was die Gegenstände wohl denken könnten? „Wann putzt der Zauberer seine Schuhe?“, schlägt der Stuhl als originelle Antwort vor. Anderen fällt es schwerer, sich in einen Schrank oder Garderobenständer hineinzuversetzen.

Und schließlich geht es noch um Gefühle, das große Feld des Theaterspielens. In der Schülergruppe wird es immer lauter, doch die Theaterpädagogin hat die Situation gut im Griff. Sie teilt vier Gruppen ein und lost jeder einen Satz zu. Diesen müssen die Jugendlichen dann glücklich, traurig, cool oder wütend präsentieren.

„Den Schülern fällt heute das Theaterspielen viel schwerer als noch vor zehn Jahren“, sagt Sylvia Martin. Auch der Räuber Hotzenplotz zählt nicht zum Basiswissen. „Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass die Kinder die Geschichten kennen.“ Umso wichtiger ist es ihr, den Kindern die Faszination des Theaters nahe zu bringen. Deshalb lädt sie ihre Gruppen auch ins Opernhaus ein, anstatt sie in der Schule zu besuchen. Denn das ganze Ambiente strömt eine Atmosphäre aus, der sich niemand entziehen kann.

Mehr von Westdeutsche Zeitung