Architektur: Wie aus einer Treppe ein Kunstwerk wurde

Architektur : Wie aus einer Treppe ein Kunstwerk wurde

Als „Scala“ machte Horst Gläsker die Stufen zur Holsteiner Straße weltberühmt.

In Wuppertal gibt es ein Kunstwerk, das in unserer Stadt bemerkenswert wenig, außerhalb von Wuppertal aber umso mehr Beachtung findet. Es handelt sich um die im Jahr 1900 vollendete Holsteiner Treppe, die, eingeklemmt zwischen Häuserzeilen, mit neun Treppenabschnitten und insgesamt 112 Stufen den Engelsberg hinauf von der Gathe zur Holsteiner Straße führt.

Sie ist eine von rund 500 öffentlichen Treppen mit insgesamt über 12 000 Stufen, die das Stadtbild bis heute prägen. Im Jahr 2008 wandelte sich ihr unscheinbares Dasein in ein architektonisches und künstlerisches Juwel mit dem Namen „Scala“ oder auch „Treppe der Sinne“. Die 112 Stufen erstrahlen seither in 112 verschiedenen Farben.

Die Holsteiner Treppe wurde im Rahmen eines Auszeichnungsverfahrens „NRW wohnt: lebendige Nachbarschaften“ im Jahr 2008 von Horst Gläsker zusammen mit seiner Frau eigentlich als temporäre stadträumliche Intervention konzipiert. Die Bewohner des Stadtteils reagierten zunächst skeptisch und äußerten Unverständnis, Geld für Kunst an einer Treppe auszugeben.

Sehr bald veränderte sich jedoch die Atmosphäre in Richtung Zustimmung, Begeisterung und Identifikation mit dem Kunstprojekt. Eine Bürgerinitiative sorgte dafür, dass der Künstler nach Entfernung der Treppenfarbe sein Objekt für weitere fünf Jahre wieder herstellen konnte. Auch nachdem im Jahr 2016 die Farben unter dem Einfluss von Wind und Wetter stark gelitten hatten, konnte Horst Gläsker seine Scala zum dritten Mal neu gestalten.

Neben dem optischen Genuss der auffallenden Farbskala ist vor allem auch der von Gläsker beabsichtigte poetisch philosophische Hintergrund bemerkenswert. Gläsker hatte die Treppe in eine „Treppe der Sinne“ oder „Treppe der Gefühle“ verwandelt. Im Aufsteigen ist an jeder Stufe ein Wort zu lesen, das eine poetische Logik in Gang setzt und die Sinne öffnet. Geschrieben wurden die Worte übrigens mit der Schrifttype „Humanist“.

Die neun Treppenabschnitte wurden mit Begriffen aus der Gefühlswelt zu Gruppen aus unterschiedlichen Lebensstufen zusammengefasst. Die ersten vier Treppenabsätze mit jeweils 15 Stufen sind mit Worten zu „Familie“, „Kommunikation“, „Welt kennen lernen“ und „Liebe entdecken“ versehen. Die „Familie“ beschützt, streichelt und liebt, sie kann erschrecken und vergeben, aber es ist auch von Mutter, Glück, Heimat, Ehre, Unschuld und schlechtem Gewissen die Rede. Jeder kann sich aus diesen Begriffen seine eigene Geschichte zusammensetzen.

Im zweiten Treppenabsatz finden wir unter der Wortgruppe „Kommunikation“ neben Freude, Ehrlichkeit, Nähe, Bruder, Begeisterung und Zorn auch die Verben Lachen, Sprechen, Beruhigen und die Adjektive Friedlich oder Aggressiv. Im dritten Treppenabsatz zu „Welt kennen lernen“ finden wir Wut, Neid, Vorwürfe, Trauma, Lügen, Drohung und andererseits Achtung, Besonnenheit und Beherrschung.

So geht es dann weiter mit den Treppenabsätzen zu „Liebe entdecken“ (Liebe, Zusammenkommen, Verführen, Schmachten, Verlieben, Zuneigung, Tanzen, Handkuss, Verehrung, Uberschwänglich, Kribbeln, Leidenschaft, Anziehend, Aufblühen und Erlauben) und andererseits „Liebe kippt“ (Verlassen, Enttäuschung, Verzweifelt, Weinen, Hass, Kurzschluss, Zweifel, Panik, Liebeskummer, Kränkung und Eifersucht). In ähnlicher Weise wird man bei jedem Treppenabschnitt in eine spezifische Lebensphase versetzt, die sich über die gewählten Wörter ausdrückt.

Nach den Absätzen zu „Besinnung-Lösung“, „Gesellschaft-Staat“ und „Einsicht“ ist der letzte Absatz mit „Altersweisheit“ überschrieben. Der nach über 100 Stufen müde Wanderer findet hier unter anderem Stille, Weite, Sinn, Freiheit, Glauben, Rücksicht und Dankbarkeit. Die abschließende oberste Stufe ist schließlich mit dem Begriff Mut versehen.

Der Künstler Horst Gläsker, der sich selbst häufig mit einem bunten Federkopfschmuck als Stadtindianer präsentiert, ist 1949 in Herford geboren, studierte an der Düsseldorfer Kunstakademie und hatte bereits 1980-81 eine erste Einzelausstellung im Wuppertaler Von der Heydt-Museum. Seit 1988 hatte er verschiedene Gastprofessuren in Münster und Braunschweig inne und war von 1998-2004 ordentlicher Professor an der Kunsthochschule in Kassel. Seit langem beschäftigt er sich intensiv mit der Kunst im Dialog mit der Architektur.

Die nationale und internationale Resonanz auf die Wuppertaler „Scala“ ist nach wie vor groß. Die bemalte Treppe hat sich gewissermaßen verselbstständigt. Sie gehört mittlerweile zu den begehrtesten Fotomotiven von Besuchern der Stadt. Die von den Gläskers gewählten Wörter wurden in viele Sprachen übersetzt.

In einem Ranking für die schönsten Treppen der Welt hat die Wuppertaler „Scala“ den Platz 6 von 17 erreicht. Sie findet sich sogar in einem chinesischen Reiseführer als ein besonderes Highlight für einen Besuch in Wuppertal, natürlich neben dem obligatorischen Engelshaus.

Wir Wuppertaler brauchen nicht so weit zu reisen, um das Kunstwerk persönlich zu betrachten und uns daran zu erfreuen. Es wäre schade, die Gelegenheit verstreichen zu lassen, denn die Treppe wird auch nach der erneuten Renovierung vermutlich nicht auf Dauer erhalten bleiben können, auch wenn das Kunstwerk selbst gewissermaßen zeitlos ist.

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