V-Express Werden Landwirte in Wuppertal missachtet?

Vohwinkel · Neue Gewerbeflächen sorgen für Ärger bei Bauern, Anwohnern und der Politik.

Carsten Bröcker kann die Pläne der Verwaltung nicht nachvollziehen und fühlt sich überrumpelt.

Carsten Bröcker kann die Pläne der Verwaltung nicht nachvollziehen und fühlt sich überrumpelt.

Foto: Kevin Bertelt/Kevin Bertelt Photography

Es schlägt auch im Stadtteil hohe Wellen: Das Handlungsprogramm Gewerbeflächen beschäftigt sich mit neuen Potenzialflächen, für die eine gewerbliche Nutzung in Frage kommen könnte. Eine Arbeitsgruppe aus lokaler Politik und Verwaltung hatte im Rahmen einer Workshopreihe Flächenvorschläge zur Deckung des Gewerbeflächendefizits erarbeitet. Diese sollen nun einem Beschluss zugeführt werden.

Hintergrund ist der wachsende Mangel an gewerblichen Bauflächen in Wuppertal. Die Bezirksregierung Düsseldorf kommt zu dem Ergebnis, dass die Stadt für die nächsten 20 Jahre einen Bedarf von 248 Hektar hat. Dieser kann derzeit nicht gedeckt werden. Durch das neue Handlungsprogramm wurden nun sechs neue Standorte mit einem aus Sicht der Planer hohen gewerblichen Potential ausgewählt. Dabei geht es um 129 Hektar. Auch Vohwinkel ist mit dem Bereich Schöller-West vertreten. Die mögliche Umwidmung sorgt stadtweit für großen Ärger bei Landwirten, Anwohnern und der Politik. Immerhin handelt es sich bei den avisierten Arealen zu einem Großteil um landwirtschaftliche Flächen. Das gilt auch für den Stadtteil. Hier fällt die Kritik deutlich aus.

Die Lust an der
Landwirtschaft schwindet

„Ich empfinde das als eine Missachtung der hiesigen Landwirtschaft“, sagt Carsten Bröcker vom Gut zur Linden. Der Vorsitzende der Ortsbauernschaft Wuppertal-West kann die Pläne nicht nachvollziehen und fühlt sich zudem überrumpelt. „Wir sind im Vorfeld überhaupt nicht informiert worden“, so Bröcker. Aus seiner Sicht sei es deutlich sinnvoller, zunächst die vorhandenen Industriebrachen einer gewerblichen Nutzung zuzuführen. „Das wäre deutlich nachhaltiger und auch besser für den Artenschutz“, findet der Landwirt. Dass jetzt der genau umgekehrte Weg gegangen werde, sei für ihn und seine Kollegen ein harter Schlag. „Die Lust an der Landwirtschaft schwindet und die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt“, berichtet Carsten Bröcker. Er verweist auf das Höfe-
sterben der letzten Jahrzehnte. „Wir hatten mal über zehn Betriebe in Vohwinkel, jetzt sind es nur noch zwei, die hauptberuflich Landwirtschaft betreiben“, so Bröcker. Diese negative Entwicklung gefährde die heimische Lebensmittelproduktion. Falls es künftig fast nur noch Importe gebe, bestehe das Risiko von Versorgungsengpässen.

Diese Gefahr sieht auch Tim Neues vom Hof Sonnenberg. „Die meisten Entscheidungen gehen zu Lasten der Landwirtschaft“, erklärt er. Damit werde der Betrieb der Höfe immer unwirtschaftlicher. „Das ist ein leises Sterben, das die Bevölkerung erst merkt, wenn die Regale leer sind“, so Neues. Er betont außerdem den ökologischen Aspekt. „Wir sprechen von Artenvielfalt, Biodiversität oder Naturschutz und dann wird am Ende alles zugepflastert“, kritisiert der Landwirt.

Auch in der letzten Sitzung der Bezirksvertretung Vohwinkel war der Unmut bezüglich der Potentialflächen groß. Zahlreiche Anwohner machten hier ihrem Ärger Luft und verwiesen unter anderem auf die Bedeutung der Frischluftschneise in Schöller. Unterstützung erhielten sie von der Stadtteilpolitik. „Wir teilen die Bedenken und sehen das Handlungsprogramm ebenfalls kritisch“, so SPD-Fraktionssprecher Andreas Schäfer. Die Vorlage wurde mit deutlicher Mehrheit abgelehnt.

Gleichwohl zeigte CDU-Fraktionssprecher Carsten Heß grundsätzlich Verständnis für den Vorstoß der Verwaltung. „Wir brauchen dringend Gewerbeflächen und die entsprechenden Steuereinnahmen“, findet er. Auch der scheidende Stadtentwicklungsdezernent Frank Meyer wies auf die schwierige finanzielle Situation der Stadt hin. Bei der Vorlage habe es sich um einen Auftrag des Stadtrats gehandelt. „Wir sind hier außerdem noch sehr früh im Verfahren und meilenweit von einer Realisierung entfernt“, erklärt Frank Meyer weiter.

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