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Wenn die Pandemie zum Jobwechsel führt.

Wie viele Menschen gezwungen sind, den Job und gar die Branche zu wechseln, lässt sich nicht genau ermitteln : Neuanfang in der Corona-Krise: Von der Bühne an den Schreibtisch

ein Jobwechsel wegen Corona bringt eine Umstellung des Lebens mit sich. Musical-Darsteller Dustin Smailes arbeitet nun im Büro, statt auf der Bühne.

Die Corona-Krise betrifft viele Bereiche des Lebens, führt zu Einschränkungen und hat für zahlreiche Menschen auch den Verlust des Arbeitsplatzes zur Folge. Doch wie damit umgehen, wenn die eigene Berufsausübung von der Pandemie betroffen ist? Eine Möglichkeit ist der Wechsel in eine andere Branche.

Wie viele Menschen wegen der Krise in ein neues Berufsfeld wechselten, lässt sich, so die Bundesagentur für Arbeit, statistisch nicht nachweisen, da dies kein meldepflichtiges Merkmal im automatisierten Verfahren zur Meldung zur Sozialversicherung sei. Der Arbeitsmarktreport der Agentur zeigt jedoch durch eine Gegenüberstellung von Arbeitssuchenden und gemeldeten Stellen, für welche Berufsgruppen es besonders schwer ist, eine neue Stelle zu finden. Demnach kommen in Wuppertal 37 Arbeitslose auf eine freie Stelle im Bereich Verkehr, Logistik, Schutz und Sicherheit. Ähnlich sieht es in der Berufsgruppe der kaufmännischen Dienstleistungen, Handel, Vertrieb und Tourismus aus, wo es 35 Arbeitslose je gemeldeter Stelle gibt.

2020 keine Zunahme der Umschulungen in Wuppertal

Das Jobcenter Wuppertal zählte von März 2020 bis März 2021 1000 Leistungsberechtigte mehr, berichtet Andreas Kletzander, beim Jobcenter Vorstand für Arbeitsmarkt und Kommunikation. Das Jobcenter betreut alle Bezieher von Arbeitslosengeld II. Eine Abfrage hat ergeben, dass 19,5 Prozent aller Neuanträge coronabedingt waren. Einen starken Zuwachs gab es bei den Selbstständigen, die 725 der Anträge stellten. Die Branchen seien dabei breit gefächert, viele neue Leistungsberechtigte stammten aus der Event- und Kultur-Branche, dem Bereich körpernaher Dienstleistungen (etwa Kosmetik, Tattoo), aber auch aus dem Handwerk, so Kletzander.

Die meisten hofften, in die alten Berufe zurückkehren zu können, sagt Kletzander. Er berichtet, dass die Zahl der Umschulungen in Wuppertal 2020 im Vergleich zum Vorjahr nicht gestiegen seien. Je länger die Pandemie andauere, desto mehr zwinge sie jedoch viele zum Umdenken. Er nennt es die „größte Aufgabe“ des Jobcenters, diese Menschen beim Prozess der Umstellung zu begleiten. Der Wechsel in eine andere Branche bringe viele Veränderungen mit sich, die sich auch auf die familiäre Situation auswirken, so Kletzander. Neben neuen Strukturen und Arbeitszeiten führt er die Möglichkeit des geringeren Verdienstes an. Das Jobcenter bietet neben Beratung und Coachings ein Förderinstrumentarium an, das von der Kurzzeitqualifikation (etwa der Verbesserung der Digitalkompetenz) bis zur abschlussorientierten Weiterbildung reicht. Das Budget für abschlussorientierte Maßnahmen habe man wegen Corona 2021 von vier auf sechs Millionen erhöht, so Kletzander.

Dustin Smailes kennt die Situation, durch Corona seinen Job zu verlieren. Im März 2020 steckte er mitten in Proben zu einem Stück im TiC in Cronenberg. Der gelernte Musical-Darsteller sollte dort Regie führen. Das Stück wurde jedoch bald auf unbestimmte Zeit verschoben. Auch ein für Sommer in Wangen im Allgäu geplantes Engagement kam coronabedingt nicht zustande. Anfangs bestand noch Hoffnung, dass sich die Situation bald normalisiert, doch es überwogen die Sorgen, da auch seine Ehefrau freiberuflich im Theater arbeitet. „Wir fielen von zwei Einkommen auf null“, so Smailes. Bei der Beantragung der Corona-Soforthilfe habe es viel Erklärungsbedarf gegeben. Smailes schien anfangs wie viele Schauspieler „durchs Raster zu fallen“. Als Freiberufler im Theater sei er regelmäßig kurzzeitig angestellt, die Soforthilfe jedoch nur für Selbständige vorgesehen.

Letztlich habe er die Hilfe bekommen, was kurzfristig dabei half, laufende Kosten zu zahlen, nicht jedoch, den Lebensunterhalt zu bestreiten, so Smailes. Damals war unklar, ob er die Soforthilfe zu einem späteren Zeitpunkt zurückzahlen müsse. Obwohl man Rücklagen gebildet habe, spricht Smailes von einem „Damoklesschwert“, das über ihm hing und seine Entscheidung beeinflusste, sich einen „Corona-Job“ zu suchen. Ein Verwandter bot Smailes an, im Büro seines Elektrobetriebs anzufangen. Ein „Glücksgriff“, wie Smailes sagt. Offiziell einen anderen Job zu machen, sei dennoch ein komisches Gefühl gewesen, so Smailes, der im Mai 2020 ohne Vorkenntnisse die neue Stelle antrat. Seither arbeitet er auf Stundenbasis, bis zu 20 Stunden in der Woche. „Vorher war ich dauernd auf der Bühne, heute sitze ich am PC“, beschreibt Samiles die Umstellung. Der Job sei keine Passion, wie die Schauspielerei, jedoch bereue er die Entscheidung nicht. Er habe sich gut in die neuen Aufgaben eingearbeitet, sein Chef unterstütze ihn dabei sehr, so Smailes. „Ich mache mittlerweile auch die Buchhaltung, schreibe Angebote und Rechnungen.“ In einem anderen Büro würde er sich jedoch nicht bewerben, auch eine Umschulung plant er nicht. „Mein Ziel ist es, in meinen alten Beruf zurückzukehren, sobald die Theater wieder öffnen“, sagt Smailes. Dies sei auch mit seinem Chef besprochen. Grundsätzlich ist Smailes zuversichtlich, sieht jedoch auch die Gefahr, dass sich insbesondere städtische Theater zukünftig aus finanziellen Gründen keine Freiberufler mehr leisten können. „Zum Glück sind Musicals aber an Stadttheatern noch sehr beliebt“, so Smailes. Das Zwischenfazit des Jobwechslers fällt daher positiv aus: „Festzustellen, dass ich auch etwas ganz anderes machen kann, war eine gute Erfahrung.“