Weihnachtsvorlesung der Uni Wuppertal: Märchen gibt Anregungen für Experimente

Weihnachtsvorlesung : Märchen gibt Anregungen für Experimente

Chemiker Gerhard Heywang hielt Weihnachtsvorlesung zu „Rumpelstilzchen“ an der Bergischen Universität.

Ein wahrer Forscher findet auch in einem Märchen der Brüder Grimm Anregungen für Experimente und Vorführungen zu chemischen oder physikalischen Vorgängen. Das bewies am Donnerstagabend Chemiker Gerhard Heywang bei seiner Weihnachtsvorlesung, zu der das Jung-Chemiker-Forum wieder in die Uni Wuppertal eingeladen hatte. Vorbild war dabei das Märchen „Rumpelstilzchen“, das Heywang zum einen vorlas und zum anderen als Anregung für diverse Experimente nahm.

Um allen Besuchern im gut gefüllten Vorlesungssaal einen optimalen Blick auf die Versuchsanordnung zu ermöglichen, hatte Heywang eine Kamera aufgestellt, die seine Versuche vergrößerte und in gleich zweifacher Projektion hinter ihm auf die Wand warf. So konnten auch die Besucher in den hinteren Reihen ohne Probleme verfolgen, welche Experimente Heywang vorführte. Wobei der Begriff „Experiment“ ja auch als „gewagter Versuch“ übersetzt werden kann – mitunter musste der Chemiker mehrere Versuche unternehmen, bis das gewünschte Ergebnis eintrat. Und manchmal brauchte es auch, bis sich auf dem Experimentiertisch etwas tat. Der Standardsatz von Heywang, der auch sonst um keinen flotten Spruch verlegen war, lautete denn auch: „Wie Sie sehen, sehen Sie nichts!“

In dem Märchen geht es darum, dass ein ominöses Männchen – nämlich Rumpelstilzchen – für eine Müllerstochter Stroh zu Gold spinnt, das diese dann dem König übergibt. Anhand unterschiedlicher Formen des Spinnvorganges – Nassspinnen, Trockenspinnen oder Schmelzspinnen – widmete sich Heywang der Frage nach der Abrisslänge bestimmter Materialien. So reißt ein von einem Hubschrauber in die Luft beförderter Goldfaden nach neun Kilometern, bei Stahl bei 36 Kilometern. Deutlich widerstandsfähiger sind dagegen Materialien wie Nylon oder Polyethylen: Fäden aus diesem Material reißen erst ab einer Länge von 120 Kilometern beziehungsweise 336 Kilometer.

Heywang hat früher bei Bayer
in Leverkusen gearbeitet

Heywang hat in der Forschungsabteilung von Bayer in Leverkusen gearbeitet, sein Vortrag vom Donnerstag ist einer von 16, mit denen er regelmäßig vor größeren Gruppen auftritt. Bereits 2010 hatte er an der Uni Wuppertal einen Weihnachtsvortrag zum Thema „Experimente mit Kerzen“ gehalten. Erfreulicherweise strapaziert er die Aufmerksamkeit der Zuhörer dabei kaum mit Formeln oder unaussprechlichen Fachbegriffen – das wurde auch am Donnerstag deutlich.

Eine Kerze spielte auch bei der jüngsten Vorlesung wieder eine Rolle. Schließlich ist bald Weihnachten und da kann es nicht schaden, zu wissen, dass so ein Paraffinprodukt Temperaturen von bis zu 1400 Grad Celsius erreichen kann – und zwar nicht in der Flamme, sondern knapp darüber.

Zudem beschäftigte sich Heywang mit dem Element Wasser: Anregung dazu war ihm die Tatsache, dass in dem Märchen davon erzählt wird, dass die Müllerstochter ob ihres schweren Schicksals mehrmals weint. Und eine Träne besteht immerhin zu 98 Prozent aus Wasser. Die Oberflächenspannung von Wasser verdeutlichte er mit einem Damenstrumpf, den er über einen mit Wasser gefüllten Kolben zog und diesen dann senkrecht umkippte. Das Ergebnis – nach zwei, drei zunächst erfolglosen Versuchen: Das Wasser blieb dank der Oberflächenspannung und der Unterstützung des Strumpfes im Gefäß.

Auch der Figur des „Rumpelstilzchen“ widmete sich Heywang in einer Versuchsanordnung. Anhand eines „cartesischen Tauchers“ führte er vor, wie ein mit Flüssigkeit und Luft gefüllter Hohlkörper bei Druck sinkt und bei nachlassendem Druck wieder steigt. Die Figur des Tauchers erinnert an ein Teufelchen – und weist damit vielleicht auch gewisse Ähnlichkeiten mit Rumpelstilzchen auf.

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