Weihnachtstrubel bei der Post: Unterwegs mit einem Paketboten

Weihnachtspost : Weihnachtstrubel bei der Post: Unterwegs mit einem Paketboten

In Wuppertal ist DHL-Fahrer Carsten Röll am Heiligen Abend bis 14 Uhr unterwegs, um Pakete auszuliefern. Unser Reporter hat ihn in der Weihnachtszeit bei einer Tour begleitet.

Carsten Röll stapelt drei Pakete übereinander und gleitet aus dem Lieferwagen. Damit der Balanceakt funktioniert, fixiert er den obersten Karton mit dem Kinn. Eine Hand zum Klingeln hat er nicht mehr frei. Doch kein Problem: Der DHL-Bote klemmt die Pakete zwischen Körper und Hauswand ein und tastet sich zum Knopf vor. Bsssst. Carsten Röll wartet – wie online bestellt und nicht abgeholt. Da niemand öffnet, klingelt der Austräger beim Nachbarn. Perfekt. Der öffnet, so dass Röll aus der Kälte für ein paar Minuten ins warme Treppenhaus darf.

Im sportlichen Tempo geht es die Treppen hoch. „Ich schätze, da kommen schon täglich 1000 Stufen zusammen“, sagt der 45-jährige Wuppertaler. Oben angekommen trifft er auf einen Senioren, der im Gegensatz zu seinem vorherigen Kunden, mit einer Hose bekleidet an die Tür gekommen ist. Allerdings freut sich der Mann wenig darüber, drei Pakete in seiner Diele parken zu müssen: „Was, eine Unterschrift wollen Sie auch noch von mir?“ Doch Carsten Röll stößt mit seinem Charme auf wenig Gegenwehr. Mit leeren Händen geht es zurück zum Auto, das mit zwei Reifen auf dem Bordstein Platz gefunden hat. Auf den DHL-Boten warten noch rund 200 Pakete – in der Woche vor Weihnachten ist das normales Tagwerk.

Carsten Röll ist nur einer von 75 Fahrern, die in den Morgenstunden aus der mechanisierten DHL-Zustellbasis im Engineering Park Wuppertal-Ronsdorf ausgeschwärmt sind. Und: Ronsdorf versorgt nur rund die Hälfte des Wuppertaler Stadtgebiets mit Paketen.

Große und kleine Sendungen schießen im Sekundentakt über ein Förderband, werden automatisch gescannt und finden dann ihren Weg zu einer von 80 Rutschen und gleiten am Ende dem für den Bezirk zuständigen Fahrer in die Hände, der die Sendungen über ein Tor direkt in seinen DHL-Wagen lädt. 12.000 Pakete treten hier täglich ihre Reise an. Doch weil es die Woche vor Weihnachten ist, rasen nun mehr als 20.000 potenzielle Weihnachtsgeschenke durch die Halle, dazwischen exotische Produkte wie eine Toilettenbrille.

Auch nach Weihnachten ist mit der Paket-Flut lange nicht Schluss

Zalando, Media-Markt und immer wieder Amazon – es besteht kein Zweifel darüber, dass den Fahrern hier eine Pakete-Welle aus Online-Bestellungen entgegenschlägt. Und nach Heilgabend wird nicht Schluss sein. Postsprecher Rainer Ernzer stellt fest: „Früher ging der Ansturm nach Weihnachten zurück, jetzt geht das bis Ende Januar.“ Die Leute bestellen nicht nur im Netz, sie schicken auch massenweise Ware wieder zurück.

Der Online-Handel macht das bequem und einfach. Nur ein Klick und irgendwo in Deutschland machen sich elektronische Zahnbürste und Stopper-Socken auf den Weg zum heimischen Briefkasten. Fast wie von Zauberhand.

Nur, dass es die echten Hände von Carsten Röll sind, die einen Stapel von sieben Paketen in einen Kiosk tragen, der sich als DHL-Shop zusätzliche Laufkundschaft sichert. „Das ist wenig, normalerweise fahre ich hier mit der Sackkarre an“, berichtet er. Manche Online-Besteller lassen sich die Ware lieber in einen Kiosk liefern, davon zeugen die übervollen Regale hinter der Theke. Beim Weg nach draußen hält ein Kollege des Lieferdienstes „Hermes“ die Tür auf. Wortwörtlich drücken sich die Paketboten die Klinke in die Hand.

Für Röll geht’s weiter: Er steigt ins Auto, fährt 100 bis 200 Meter, hält wieder, klingelt, wartet, verhandelt mit Nachbarn, steigt Stufen. Dabei kennt er zu jeder Adresse den besten Stellplatz und weiß genau, hinter welchem Klingelschild sich die Bewohner verbergen, die ihm nicht die kalte Schulter zeigen.

Doch der Job hat auch so seine Tücken. „Wenn es draußen hupt, weiß ich, dass sicher ich gemeint bin“, sagt Röll, der mit seinem DHL-Wagen manchmal anderen Fahrern im Weg steht. Geht es zu den Einfamilienhäusern, kann es auch mal sein, dass den Mann in Gelb und Rot ein bellender Hund empfängt. Doch auch darauf ist Röll, der seit fast acht Jahren Pakete austrägt, vorbereitet. Er zieht ein Tütchen aus der Tasche: „Ich habe immer Leckerli dabei.“

Am Dienstag vor Weihnachten ist er mindestens bis 18 Uhr unterwegs, sonst wird das Auto nicht leer. Dabei sind die 44 Wuppertaler Bezirke, die von der Ronsdorfer Basis angefahren werden zur Vorweihnachtszeit bereits kleiner gefasst worden: Jetzt sind es 75.

Carsten Röll ist Springer: Er kennt die unterschiedlichen Herausforderungen der verschiedenen Bezirke. Bei seiner Runde am Rott steht er sehr oft vor Altbau-Häusern. „Drei bis vier Stockwerke und kein Aufzug“, sagt Röll. Das sei schon körperlich eine Herausforderung. Besonders weil der 45-Jährige nicht nur CDs und Taschenbücher schleppt. „Die Leute bestellen immer häufiger 30-Kilo-Beutel Hundefutter und Katzenstreu“, sagt der DHL-Bote. Das sei im Netz zwar nicht zwangsläufig günstiger, aber Röll grinst: „So muss man es nicht nach Hause schleppen.“ 31,5 Kilo Last ist die erlaubte Grenze, die Grenze des Zumutbaren mag darunter liegen.

„Nach so einer Schicht geht man nicht mehr auf den Weihnachtsmarkt“, stellt Röll fest und ist schon wieder zur Fahrertür raus. Er gehört wenigstens zu den Gutbezahlten seiner Branche. DHL zahlt nach eigenen Angaben einen Stundenlohn von mehr als 13 Euro. Die Konkurrenz rangiere teils im Mindestlohnbereich unter neun Euro, so Post-Sprecher Rainer Ernzer.

Erst am 24. Dezember um 14 Uhr ist der Spuk vorbei und die rund 150 DHL-Autos kehren in Wuppertal zurück zu ihren Stationen. Die Fahrer, so Röll, versuchen vorher noch die letzten Weihnachtspräsente abzuliefern – alles, was wie ein Geschenk aussieht, hat Priorität. Es könnte das Fest retten. Nachmittags kehrt langsam Ruhe auf den Straßen ein. Röll und seine Kollegen verabschieden sich in die wohlverdienten Feiertage. Wer dann noch Geschenke austrägt, muss vom Nordpol sein.

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