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Was Wuppertaler Satiriker Uwe Becker während der Coronakrise beschäftigt

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Lange Haare, perfektes Pianospiel und Erinnerungen an den Enkel-Trick

WZ-Kolumnist Uwe Becker erklärt, womit er sich während der Coronakrise beschäftigt.

Man hört kaum von Hamsterkäufen bei Schokoladenhasen. Für viele Menschen ist das eine beruhigende Nachricht. Was mich allerdings viel mehr zur Verzweiflung bringt, ist die Tatsache, dass ich mein Haar wieder schulterlang tragen muss. Es ist aber ein kleines Geheimnis, das ich nur mit meinen Nachbarn teile. Aber nicht mit allen Nachbarn, nur mit denen, die ich auf dem täglichen Weg zum Briefkasten im Treppenhaus treffe. Ich verlasse das Haus schon seit vier Wochen nicht mehr. Meine Leserinnen und Leser müssen den Anblick nicht ertragen, es wäre mir auch zu peinlich.

In meiner Jugend trug ich auch langes, glattes Haar, in Spitzenzeiten reichte die prachtvolle Mähne bis zu meinem Po. Gerüstbauer pfiffen mir nach, weil ich vom Gesamteindruck auch eher feminin rüberkam. Aber das ist lange her. Jetzt gleiche ich einer alten Indianerin, die in ihrem Reservat darauf wartet, dass Donald Trump herein marschiert, damit sie ihn skalpieren kann.

Meine persönliche Isolation hat aber durchaus auch Vorteile. In vier oder fünf Jahren werde ich perfekt Klavier spielen können. Ich übe jeden Tag bis zu 18 Stunden. Wenn ich Johannes Brahms’ 1. Klavierkonzert op. 15 in d-Moll ohne Noten fehlerfrei spielen kann, dann werde ich mir eine Geige bei lieferando.de bestellen. In ein paar Wochen, so hoffe ich, möchte ich zumindest in einer Liga mit André Rieu spielen.

Meine alte Nachbarin sieht übrigens schlimm aus. Ihre wunderschöne Dauerwelle ist völlig eingebrochen. Sie schimpft auf das Virus. Meinen Vorschlag, sie sollte auch ein Instrument lernen, damit sie etwas zu tun hätte, und auf andere Gedanken käme, hat sie einfach überhört. Allerdings kann sich meine alte Nachbarin auch nicht über zu wenig Ablenkung und Beschäftigung beklagen, schließlich putzt sie nicht nur für mich die Treppe.

Ich habe keine Sorge mich zu langweilen. Mir fehlen die intimen Kontakte. Natürlich ist es für mich als älterer Mann gerade nicht einfach, dass mich mein Sohn mit seiner Freundin, und meine viel jüngere Freundin mit ihrem Sohn nicht besuchen können, auch aus Angst, sie könnten mich infizieren. Meine Familie denkt bestimmt jeden Tag an mich. Dieses Wissen gibt mir auch Halt in einer Zeit, die nicht einfach erscheint. Aber, um der Wahrheit auch mal zu ihrem Recht zu verhelfen, bei mir herrscht in den einsamen vier Wänden keine Stille, und hier regiert auch nicht der Trübsal. Wenn ich merke, ich werde etwas melancholisch, dann schalte ich einfach das Radio an. Wenn das nicht reicht, auch noch den Fernseher. Aber ganz ehrlich? Ich singe und tanze auch gerne nur für mich. Wenn ich wüsste, dass man mich dabei beobachtet, würde ich es natürlich unterlassen. Dafür singe ich aber auch nicht unter der Dusche, weil das alle machen.

Vor einigen Jahren hatte ich immer Angst, es könnte in unmittelbarer Nähe zu einem Unglück wie damals in Tschernobyl kommen. Hoffentlich kommt so ein Drama in den nächsten Monaten nicht auch noch auf uns zu. In Belgien ist so eine atomare „Windmühle“ immer noch am Netz. Was mich in den letzten Tagen aber am meisten schockiert hat, war die Nachricht, dass einer dieser Telefonverbrecher versucht hat, mich mit diesem Enkeltrick zu betrügen. Ich finde, dieser Anruf kommt mindestens 15 Jahre zu früh. Ich könnte theoretisch natürlich Opa sein, aber ich bin es nicht. Ich bin ja nicht besonders eitel, aber das geht echt zu weit. Der Anrufer meinte, er wäre mein an Corona erkrankter Enkel, und benötige Geld für ein teures Medikament aus den USA. Ich habe dem natürlich was gehustet, und ihm gesagt, ich würde gerne auf seine Beerdigung kommen, aber Geld gäbe es nicht. Der Ganove hat dann auch sofort eingehängt.

Mir fiel dann ein, dass der Enkeltrick früher bei meiner Großmutter, wenn ich ihn angewendet hatte, immer mehr als gut funktionierte. Wenn ich Oma in der Woche überraschend besuchte, freute sie sich so unbeschreiblich, dass sie mir beim Abschied, ohne dass ich sie um eine konkrete Summe bat, zehn Mark in die Hand drückte. Ich hatte eigentlich immer nur mit höchstens fünf Mark gerechnet. Ob ich damals wohl den Grundstein für dieses betrügerische Vergehen gelegt hatte, ohne es zu ahnen? Kann sein, aber bei mir handelte es sich immerhin wirklich um meine Oma.