Was tun, wenn Papa an der Flasche hängt?

Was tun, wenn Papa an der Flasche hängt?

Wenn die Eltern Alkoholiker sind, leiden auch die Kinder sehr darunter. Das Projekt „Bärenstark“ des Blauen Kreuzes will betroffenen Familien helfen.

Wuppertal. An die Zeit, in der sein Vater alkoholabhängig war, erinnert sich Daniel (alle Namen der Betroffenen von der Redaktion geändert) kaum noch. „Papa war eben oft nicht da oder krank“, beschreibt der heute Zwölfjährige seine Erinnerungen an die schwierige Zeit. Dass sein Vater alkoholkrank war und was das bedeutete, erfuhr Daniel erst vor etwa drei Jahren. Seitdem nämlich lebt sein Vater abstinent — und seitdem nehmen die beiden regelmäßig an den Treffen der Bärenstark-Gruppe des Blauen Kreuzes teil.

Dieter Weber, ehemaliger Alkoholiker, der die Gruppe mit seinem Sohn Daniel besucht.

Die Gruppe, die seit 2006 besteht, hilft Familien von Suchtkranken zurück in ein normales Leben. „Durch die Abhängigkeit verändert sich nicht nur die Persönlichkeit des Suchtkranken, auch das gesamte Familienleben ist betroffen“, sagt Ina Rath vom Blauen Kreuz in Wuppertal. In der Gruppe, die sich einmal im Monat trifft, haben die Familien Gelegenheit sich auszutauschen und zur Normalität zurückzufinden.

Daniels Vater, Dieter Weber, kommt vor allem seinem Sohn zuliebe. „Ich habe große Schuldgefühle und weiß, dass wir viel aufholen müssen. Ich habe Phasen seines Lebens verpasst, die ich nicht nachholen kann und will ihm zeigen, dass ich jetzt für ihn da bin.“ Neben Daniel und seinem Vater nehmen zurzeit fünf weitere Familien an dem Programm des Blauen Kreuzes teil.

Wichtig ist, dass die Betroffenen von sich aus zu uns kommen“, erzählt Rath. Sonst könne das Projekt nicht funktionieren. Daniel und sein Vater kommen gern zu den Treffen, vor allem auch, weil es hier so schön normal zugeht. Das Beste an den Nachmittagen sei für ihn das Fußball spielen, sagt Daniel.

In den Treffen geht es bewusst um ganz alltägliche Dinge. „Wir wollen die Kinder stark machen fürs Leben“, schildert Rath. Daher säße man nicht die ganze Zeit zusammen und diskutiere über Probleme. „Es wird viel geredet, aber eben nicht nur.“

Themen, die das Programm auf jeden Fall aufgreift, sind Alkohol und Sucht. Denn: 60 Prozent der Kinder aus Suchtfamilien werden später selber alkoholabhängig oder psychisch krank.

Hans Sommer, Ex-Alkoholiker und heute ehrenamtlicher Betreuer bei „Bärenstark“.

„Meistens fängt Robin an, auf dem Heimweg über die Treffen zu sprechen“, erzählt Karin Schmidt, die seit einem Jahr mit ihrem siebenjährigen Sohn Robin zu den Treffen kommt. Hier fände sie Gehör, während Robin mit seinen neuen Spielkameraden toben könne. Die wissen auch — im Gegensatz zu den Klassenkameraden — was es heißt, wenn ein Elternteil alkoholkrank ist.

Geleitet werden die Treffen von Mitarbeitern des Blauen Kreuzes, darunter auch ehrenamtliche Helfer, die selber alkoholabhängig waren. Hans Sommer lebt seit dreißig Jahren ohne Alkohol und erinnert sich mit Schrecken an die eigene Vergangenheit. „Kinder waren einfach nur lästig. Was zählte, waren die Flasche und ich.“ Heute hilft er mit seinen Erfahrungen anderen Suchtfamilien auf dem Weg in ein normales Leben.

Die Kinder müssen sich in der Zeit der Therapie und danach wieder auf einen veränderten Alltag einrichten. „Alles, was früher normal oder erlaubt war, geht auf einmal nicht mehr“, schildert Sommer. Kindern fielen diese Veränderungen schwer.

In der Gruppe gäbe man der ganzen Familie und eben nicht nur dem Patienten Zeit, sich gemeinsam zu verändern.

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