Was muss die Stadt Wuppertal gegen den Starkregen machen?

Zentrum : Was muss die Stadt Wuppertal gegen den Starkregen machen?

Diskussionsabend der Reihe „Transformationstandem“ befasste sich mit dem Unwetter vom Mai 2018 - und den Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind.

Nach Regen sieht es hierzulande dieser Tage zwar nicht aus, aber sicher ist: Irgendwann wird er wieder fallen und irgendwann wieder auch so stark fallen, dass Keller volllaufen, die Kanäle ihren Dienst versagen und Straßen überflutet werden. Welche Verheerungen ein solches Unwetter anrichten kann, hat der 29. Mai 2018 den Wuppertalern vor Augen geführt. Und das Schlimmste ist: Es kann sich jederzeit wiederholen, denn Begriffe wie Jahrhundert- oder Jahrtausendereignis, mit denen Spezialisten bestimmte meteorologische Vorkommnisse früher benannten, gelten in Zeiten des Klimawandels nichts mehr.

Aufklärung, Vorsorge und Krisenkommunikation tun also not, wollen Politik, Einsatzkräfte und Stadtgesellschaft besser für ein solches Ereignis gerüstet sein. Wie entsprechende Vorbereitungen aussehen sollten, darüber referierten und diskutierten am Dienstagabend Professor Dr.-Ing. Frank Fiedrich, der an der Bergischen Uni den Lehrstuhl für Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit innehat, und Christian Massing (Wuppertaler Stadtwerke, WSW) in der evangelischen City-Kirche. In der Reihe „Transformationstandem“, die sich in diesem Jahr mit dem Thema „Zukunftsfähige Mobilität in Wuppertal“ befasst, widmeten sie sich dem Thema „Starkregen“.

Wie sieht sinnvolles Katastrophenmanagement aus?

Professor Fiedrich befasste sich dabei mit der Frage, vor welche Herausforderungen Starkregen  die Infrastruktur stellt und wie sinnvolles Katastrophenmanagement im Angesicht eines verheerenden Unwetters aussehen sollte. Wichtig sei es dabei, zu definieren, welche Infrastrukturen durch ein Unwetter in ihrem Bestand und ihrer Funktionalität bedroht sind: Das könnten neben Verkehr und Logistik unter anderem Energie- und Wasserversorgung, Telekommunikation, Einrichtungen von Staat und Verwaltung oder Medien und Kultur sein. Um all diese Sektoren zu erfassen, seien „ganzheitliche Schutzkonzepte“ gefragt, sagte Fiedrich.

Mit dem eigentlich aus der Psychologie bekannten Begriff der „Resilienz“ wird in der Sicherheitsforschung zudem erfasst, wie gut und schnell ein System eine krisenhafte Situation meistern und sich den veränderten Bedingungen anpassen kann. Um sich rechtzeitig auf weitere Unwetter vorzubereiten, empfahl der Sicherheitsexperte deshalb unter anderem, die Warnsysteme weiterzuentwickeln, ein Kataster für kritische Infrastrukturen zu erstellen oder die Risiko- und Krisenkommunikation auf solche Ausnahmefälle auszurichten.

Wie die Stadtverwaltung auf das Unwetter von Ende Mai 2018 reagiert hatte, zeigte WSW-Vertreter Massing anhand einer Starkregengefahrenkarte. Mithilfe der Karte können Bürger erkennen, wo im Wuppertaler Stadtgebiet Gefahren durch Sturzfluten und Starkregen bestehen. Mit der Karte wolle man die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren, einen Beitrag zur Gefahrenabwehr leisten und den Katastrophenschutz unterstützen, betonte Massing.

Das Kanalnetz ist auf zu große Regenmassen nicht vorbereitet

Denn auf so einen Starkregen wie im Frühjahr 2018 sei das Kanalnetz in Wuppertal einfach nicht vorbereitet. Innerhalb von 90 Minuten seien pro Quadratmeter 100 Liter Regen gefallen, mehrere Tausend Keller und Erdgeschosse vollgelaufen. Auf einer von den WSW genutzten Starkregenskala rangiert das Unwetter vom Mai 2018 auf der Stufe 11 von 12 – mit anderen Worten: Es geht auch noch schlimmer. Die von den WSW betriebenen Kanäle seien nur auf einen Starkregen „bis Stufe 5 dimensioniert“, betonte Massing. Die Fortschreibung der Starkregengefahrenkarte und weitere Maßnahmen etwa zum kommunalen Risikomanagement wollen die WSW nun im Rahmen einer Förderung vom Land finanzieren lassen. Ab Sommer soll das über zwei Jahre laufende Programm starten. Zugleich verwies der WSW-Vertreter auch auf die Verantwortung jedes einzelnen: Angesichts des Klimawandels und der steigenden Zahl an Unwettern sei es auch „Aufgabe der Grundstückseigentümer, Vorsorge zu leisten“.

Aus Sicht der Wissenschaft lobte Moderator Professor Dr.-Ing. Oscar Reutter (Wuppertal Institut, Bergische Uni) die Aktivitäten der Stadt nach dem Unwetter als bundesweit vorbildlich: „Wuppertal ist in dem Thema ganz, ganz weit vorn.“ Zugleich machte er deutlich, dass Phänomene wie Starkregen drängende Fragen an die Mobilität stellten. Denn der Straßenverkehr mit seinem Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) sei nun einmal ein Faktor im Klimawandel. Und um die Erderwärmung noch im tolerierbaren Rahmen eines Anstiegs von 1,5 Grad zu halten, müsse eben die Dekarbonisierung – also der Abschied von Prozessen und Verfahren, die CO2 produzieren – mit aller Macht vorangetrieben werden.

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