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Was man gegen Antisemitismus machen kann

Diskussion in Wuppertal : Was man gegen Antisemitismus machen kann

Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft lud zur Diskussion mit hochrangigen Experten ein.

Die dunklen und bodenlangen Vorhänge hinter der Diskussionsrunde und vor den Fenstern des Otto-Roche-Forums passen an diesem Sonntag gut zum Thema, das in der Volkshochschule in Elberfeld ansteht. „Antisemitismus – der Erbende verarmt – gehört der Judenhass zu Deutschland?“ lautet der zum Nachdenken auffordernde Titel der hochkarätig besetzten Expertenrunde. Zu der Debatte hat die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft geladen – Hintergrund ist das Jubiläumsjahr zum 150. Geburtstag der deutsch-jüdischen Dichterin. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – des drückenden Themas ist der Saal überfüllt: Rund 150 Menschen sind gekommen, zusätzliche Stuhlreihen müssen aufgestellt werden, etliche Besucher entlang der Wand stehen bleiben.

Fünf Gesprächspartner versammeln sich auf dem Podium: die ehemalige NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne), der langjährige deutsche Botschafter in Israel, Rudolf Dreßler, der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, der ägyptisch-deutsche Politikwissenschaftler und Islamkritiker Hamed Abdel-Samad und der Schweizer Literaturexperte Martin Dreyfus. Bevor die Runde startet, wird der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal, Leonid Goldberg, zur aktuellen Situation jüdischen Lebens befragt. Sein trauriges Fazit: „Kein Mensch in Wuppertal trägt öffentlich eine Kippa.“ Aus Angst vor Attacken und Angriffen werde die jüdische Kopfbedeckung in der Öffentlichkeit versteckt.

In der von der WDR-Journalistin Marion von Haaren geleiteten Diskussion geht es dann um einen Blick auf die aktuelle Situation, Fragen der Erziehung und Rezepte im Kampf gegen den Antisemitismus. Der aus Wuppertal stammende Dreßler fordert „eine überparteiliche Politik“, die sich antisemitischen Entwicklungen in Deutschland entgegenstellt. Ex-Ministerin Löhrmann möchte bei der Bildung ansetzen: Nicht zuletzt in den Schulen sei es eine „immerwährende Aufgabe“, an den Holocaust zu erinnern. Gerade junge Menschen seien für solche Angebote dankbar und empfänglich.

Ein Patentrezept hat auch Abdel-Samad nicht im Angebot, seine Einschätzungen zum Antisemitismus im In- und Ausland kommen aber immer schnell und treffend zum Punkt. Der Antisemitismus im Nahen und Mittleren Osten sei eine Folge des Kolonialismus durch den Westen und der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948. Dadurch habe sich in den Nachbarstaaten ein „Minderwertigkeitskomplex“ gebildet, der sich nach außen wendet und Feinde sucht. Mit Blick auf die deutsche Gesellschaft fordert der Politikwissenschaftler, auch die islamischen Kinder und Jugendliche mit dem Thema „Antisemitismus“ zu konfrontieren und bei Bedarf zu kritisieren. Falsche Rücksichten – Abdel-Samad nennt es „Rassismus der gesenkten Erwartungshaltung“ – seien nicht zielführend.

Zudem kriegt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sein rhetorisches Fett weg. Wegen des versandten Glückwunsch-Telegramms an den Iran muss sich das Staatsoberhaupt dafür kritisieren lassen, ein Land zu hofieren, das das Existenzrecht Israels bestreitet. Ein solches Verhalten sei „eines Bundespräsidenten unwürdig“, zürnt der für seine klaren Ansagen bekannte Dreßler. Auch Präses Rekowski erklärt, dass ihm das Verständnis für das Schreiben fehle.