Warum die Bürgervereine in Wuppertal so wichtig für die Stadt sind

90 Jahre Wuppertal : „Bürgervereine geben den Mentalitäten eine Heimat“

Gastbeitrag Alt-Oberbürgermeister Peter Jung über die Kraft und das Wirken der vielen Initiativen in Wuppertal.

Wenn man sich die Frage stellt, wieso die Bürgervereine in Wuppertal auch in der heutigen Zeit aktuell und erfolgreich sind, gibt es eine Antwort, die ihre Wurzeln in der Entstehung unserer Stadt hat.

Wuppertal ist keine homogen gewachsene Stadt, sondern zunächst ein durch einen politischen Akt, manche würden auch sagen durch Willkür, geschaffenes Gebilde. Dabei wurde wenig Rücksicht auf vorhandene Beziehungen und Orientierungen genommen, und so musste man sich nicht wundern, dass es lange dauerte bis Akzeptanz entstand.

Die Bürgervereine haben den verschiedenen Mentalitäten und Befindlichkeiten immer eine Heimat gegeben und so war es selbstverständlich, dass es nach dem Verbot durch die Nationalsozialisten nach dem Krieg wieder zur Neugründung vieler Bürgervereine kam. Und auch die Schaffung der Bezirksvertretungen konnte das Bedürfnis der Menschen nicht befriedigen, Institutionen zu haben, die sich ganz speziell um ihren Stadtteil, ihr Quartier oder ihre Hofschaft kümmern.

Peter Jung. Foto: Schwartz, Anna (as)

Dabei geht es um politische Ziele, es geht um Identität, es geht aber auch um Zusammengehörigkeit und Nähe. So ist das von einem Bürgerverein einmal im Jahr ausgerichtete Fest der Treffpunkt der Menschen aus dem Stadtteil. Dabei treffen sich die, die jetzt doch leben, aber auch die, die weggezogen sind, aber ihre Wurzeln dort haben.

Es sind aber nicht nur die kleinen Feste, sondern auch die, die sich an die ganze Stadt und darüber hinaus richten. Beispielhaft nenne ich nur das Bleicherfest in Heckinghausen und den Liefersack in Ronsdorf.

Die andere Seite sind die politischen Aktivitäten, nicht parteipolitisch, sondern zielgerichtet und sachorientiert. Das hat meinen eigenen Weg ganz bedeutend beeinflusst.

Als Vorsitzender des Bürgervereins Küllenhahn musste ich miterleben, wie das Schwimmsportleistungszentrum abbrannte und allen Beteuerungen und Beschwörungen von Politikern vor den rauchenden Trümmern zum Trotz, der Wiederaufbau in Frage gestellt wurde.

Das wollten die damals drei Cronenberger Bürgervereine nicht hinnehmen, und in einer beispielhaften Aktion wurden 41 000 Unterschriften gesammelt und der Wiederaufbau des Schwimmsportleistungszentrum aber auch die Sanierung der Schwimmoper durchgesetzt. Natürlich wäre das ohne Heinz Hoffmann, den Schwimmpapst Wuppertals, und Friedhelm Krieger, den genialen Bäderarchitekten, nicht möglich gewesen. Aber die Aktion zeigte, wie viel Kraft in den Bürgervereinen steckt. Und das zeigen die Bürgervereine auch heute und an vielen Stellen. Sie werden gehört, nicht immer gerne, aber gehört. Sie müssen nicht diplomatisch sein, sondern können bodenständig und direkt formulieren.

Für mich, der seine politischen Wurzeln in einem Bürgerverein hat, war es ein großes Anliegen als Oberbürgermeister durch regelmäßige Treffen mit den Vorständen der Bürgervereine, Ansichten auszutauschen, Probleme zu lösen und gegenseitiges Verständnis zu wecken. Ich bin sehr froh, dass mein Nachfolger Andreas Mucke dies mit gleicher Intensität fortgesetzt hat.

Eine gemeinsame Wuppertaler Identität kann nur wachsen, wenn wir die Verschiedenheit akzeptieren und als Chance nehmen. Welche Stadt kann sich rühmen sowohl rheinische als auch westfälische Wurzeln zu haben? Durch welche Stadt geht eine Sprachgrenze, die Cronenberger und Nächstbrecker, wenn sie sich jeder in seinem Platt unterhalten wollen, sprachlos macht?

Johannes Rau hat es so schön formuliert: „Wuppertal ist im Namen Nordrhein-Westfalen der Bindestrich.“ Ich finde: Es gibt viele Rheinländer und Westfalen aber nur einen Bindestrich!