Zuschauer gesucht: Warum Carmen Thomas den Wuppertalern nach 25 Jahren Danke sagen will

Zuschauer gesucht : Warum Carmen Thomas den Wuppertalern nach 25 Jahren Danke sagen will

Die Fernseh- und Hörfunk-Moderatorin hatte 1994 in Ronsdorf eine ihrer letzten Ü-Wagen-Sendungen. Daran wird sie noch jeden Tag erinnert.

In der Welt der Journalisten gehört Carmen Thomas sicher zu den profiliertesten, mutigsten und erfolgreichsten. Dabei hatte ihre Karriere mit einem folgenschweren Fehler begonnen, mit einem Versprecher, den vor allem die Männerwelt ihr nicht verzeihen wollte oder konnte. Thomas moderierte als erste Frau überhaupt das Aktuelle Sportstudio im ZDF, die damalige Samstagabendmesse der Fußball-Bundesliga. Als sie den Gelsenkirchener Fußballklub Schalke 05 ankündigte, war es um ihre Karriere im Sportstudio geschehen. Die selbsternannten Experten hatten nur auf einen Fehler der Frau in der Männerwelt gewartet. Und Carmen Thomas tat ihnen den Gefallen. Aber sie moderierte die Sendung trotzdem noch anderthalb Jahre, ehe sie zum Westdeutschen Rundfunk nach Köln wechselte.

Das sollte sich für die heute 73 Jahre alte Journalistin und für den Journalismus als guter Schritt erweisen. Denn die Schalke-05-Thomas wandte sich dem Rundfunk zu. Und sie erfand eine heute legendäre Sendung. „Hallo, Ü-Wagen“, setzte auf Themen aus dem Volk für das Volk, schaute den Menschen aufs Maul, redete ihnen aber nie nach dem Munde. Vielleicht hat Carmen Thomas so den Privatfunk erfunden, aber auf einem Niveau, das ihre Nachfolger heute längst noch nicht immer erreichen. Thomas konnte Tabus brechen, ohne den Menschen zu nahe zu treten. Deshalb kamen regelmäßig Dutzende, oft auch Hunderte von Menschen an den Ü-Wagen des WDR, um sich mit der Journalistin und mit Experten über vermeintlich unmögliche Themen zu unterhalten. Da ging es ums Küssen, um Leben mit Behinderung, um Regelwerke beim Feiern, um Modetrends, um Verhaltensweisen, um Freude und Leid, Euphorie und Trauer, um Leben und Tod.

Ihren Erfolg begründet Carmen Thomas selbst damit, dass sie ihre Zuhörer immer eingebunden hat. Sie nennt ihr Konzept Mittmach-Sendung und war damit äußerst erfolgreich.

Das gilt auch für ihre Karriere als Autorin. Mehr als zehn Bücher entstammen der Feder der Düsseldorferin, die das Magazin Forbes 1990 zu den 100 einflussreichsten Frauen in Deutschland zählte. Ihr wohl berühmtestes, auf jeden Fall aber erfolgreichstes Werk ist eines, das wahrscheinlich nur Carmen Thomas schreiben konnte. In ihrem Bestseller widmete sich die Journalistin dem Urin, den sie als besonderen Saft bezeichnet und dem sie heilsame Wirkung bescheinigt.

Heute leitet Carmen Thomas die 1. ModerationsAkademie für Medien + Wirtschaft. Sie gibt ihr Wissen und ihre Erfahrung an junge Journalistinnen und Journalisten weiter. Den wohl größten Teil dieser Erfahrung hat die Moderatorin am Ü-Wagen des Westdeutschen Rundfunks gesammelt. Mit dem gastierte sie am 1. Dezember 1994 in Ronsdorf. Es war die 968. von letztlich 972 Sendungen. Und sie ist der Journalistin in Erinnerung geblieben. Ein Foto an der Wand lässt sie täglich an den Ü-Wagen-Termin denken. Denn im Publikum war damals spontan ein Transparent aufgerollt worden, das aussah, als sei es schnell aus einem Bettlaken hergestellt worden. Die fünf Buchstaben beherrschen das Foto. Und sie bilden ein Wort, durch das Carmen Thomas noch heute die Anerkennung ihrer Zigtausenden von Hörer spürt. „Danke“, steht auf dem Transparent. Und dieses Danke hat die Journalistin seither nicht mehr vergessen. „Und immer hat mich interessiert, wer die Menschen waren, die so spontan das Laken bemalt haben und am Sendeort erschienen.“ Sie seien damals nicht zu ihr gekommen. „Ich konnte mich also nicht bei Ihnen bedanken, obwohl sie mein Herz so tief berührt haben“, sagt sie.

Nun hofft Carmen Thomas, dass die Betreffenden das Foto in der WZ sehen oder von jemanden auf den Beitrag in der Westdeutschen Zeitung hingewiesen werden. Ihnen wäre ein interessantes Gespräch, vielleicht sogar eine spannende Begegnung sicher. Auch 25 Jahre nach dem Ende von „Hallo, Ü-Wagen“ sind Carmen Thomas die Fragen und die Antworten längst noch nicht ausgegangen.

Mehr von Westdeutsche Zeitung