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Wandernde Ausstellung zeigt Blicke aus heimischen Fenstern in Wuppertal

Aktion : Wandernde Ausstellung zeigt Blicke aus heimischen Fenstern

Das Projekt „Guckst du Straße“ zog mit privaten Aussichten des Lockdowns durch Oberbarmen. Passanten wurden spontan zum Publikum.

Ein Baum vor dem Fenster, eine Weitsicht über die Stadt: Für sich genommen beides kein schlechter Blick. Über Wochen aber wird jede Aussicht aus der privaten Wohnung eintönig - wenn sie nicht gerade umher getragen wird: Dies aber tat das Projekt „Guckst du Straße?“ und zog nun durch Oberbarmen, als etwas andere „Wander-Ausstellung“.

Lockdown als Bildanlass, als Gruß nach „draußen“: Das war die Grundidee eines Teams rund um die „Färberei“. Menschen waren eingeladen, ein häufiges, vielleicht allzu häufiges Bild in Corona-Zeiten zum Fotomotiv zu machen: den Blick aus der eigenen Wohnung. Nun ging es einen Schritt weiter: in die Oberbarmer Straßen und damit endgültig in die Öffentlichkeit.

Wurden die Aufnahmen zuvor schon auf der Homepage veröffentlicht, trug sie das Team nun im Großformat vom Zentrum am Stennert bis kurz vor den Heckinghauser Gaskessel. Vorneweg, neben den Machern um Roland Brus und Daniela Raimund, als wohlklingende Spitze: der Trompeter Karlo Wentzel von der Band Belakongo. Passanten und Cafégäste auf dem Weg avancierten dabei ganz spontan zum Publikum.

Manche Text-Bild-Kombination führte zu einer Art assoziativer Allianz. Wie der Kommentar bei einer weiten, vielleicht auch verlorenen Sicht weit über Häuserzeilen: „Es wird die Zeit kommen, wo wir uns wieder eines Tages zusammen treffen“, hatte jemand formuliert.

Keineswegs klagend war der Ansatz der Parade, auch wenn der Aufzug beim ersten Blick irritieren mochte. Ein Pulk von schreitenden Menschen mit beschrifteten Schildern - das könnte man spontan auch anders einordnen. Auch wählte Brus gern die große Geste und das dramatische Wort: „Ganz Oberbarmen ist eine Wüste, und wir bringen sie gemeinsam zum Blühen.“

Doch kontaktfreudig (Verbalkontakt mit Abstand, versteht sich) sorgte er per Stab-Mikro stets für Klärung - und meist reagieren die Leute aufgeschlossen bis interessiert. Vor einem Café an der Berliner Straße nahmen Gäste bereitwillig Zettel aus dem hingehaltenen Kasten und lasen Aussagen von „Fensterbesitzern“ vor.

Am Bahnhof Oberbarmen lehnte mal ein junger Mann knapp ab, aber hinter der Brücke war dafür eine neue Teilnehmerin dabei: „Gern!“, sagte sie zur Anregung und rezitierte ein aus Argentinien eingesandtes Statement.

Auch traurige Gedanken
äußerten die Teilnehmer

Ein Effekt des Konzepts war, dass Privates öffentlich wurde. Was vor Publikum kommt, wird ja im Wortsinn „publik“. Schon ein Ausblick ist ja durchaus persönlich, hinzu kommt auf manchen Fotos die Fensterbank, Topfpflanzen oder auch mal eine Bierflasche. Wer mitmachte, wollte ja gerade die „Verbundenheit“: mit denen, die zwar seine derzeit begrenzte Sicht noch nicht kannten, aber zu Hause ihre eigene hatten und haben.

Kritische, auch traurige Stimmen äußerten etwa: „Wir leben nicht, wir existieren.“ Oder auch: „Wer bestimmt mit, wie meine neue Realität aussehen wird?“ Auch als nun vor Ort Interessierte zu Wort kamen, sagte eine Frau: „Das Spontane, das fehlt mir.“ Doch der Gesamteindruck ging eher Richtung Reflektieren, Entschleunigen, Abstand gewinnen. Insgesamt beleuchtete die Aktion den Bewegungsradius der Quarantäne also auch positiv.

Ein wenig mag die Lockerung nun auch die Performance selbst erschwert haben: Sicher auch weil die Autos wieder fleißig unterwegs sind, waren die Aussichts-Protokolle vielfach kaum zu verstehen. Womöglich wird man nachrüsten, denn Wiederholungen der Aktion sind geplant. Dann gern mit neuen Fenster-Zitaten und aktuellen Bildern.