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Offen gesagt: Wachsende Hypothek

Offen gesagt : Wachsende Hypothek

Um es gleich vorweg zu sagen: schuld ist natürlich niemand, und da lässt sich wie üblich sicher auch nicht viel machen, sei es, dass Geld fehlt oder dass es an Arbeitskräften mangelt. Und während die Parteien noch rätseln, wem sie Erfolg versprechend den Schwarzen Peter für die aktuelle Fehlentwicklung in die Schuhe schieben können, beginnt das neue Wohnzimmer Wuppertals bereits zu vergammeln.

Das ist der Stand der Dinge knapp zwei Jahre nach dem Ende der B7-Sperrung, knapp ein halbes Jahr, nachdem der architektonisch imposante sogenannte Investorenkubus mit einem Inhalt gefüllt worden ist, an dem viele teils aus humanitären, teils aus ästhetischen Gründen immer noch schwer zu knabbern haben.

Nicht, dass nun der Eindruck entsteht, es wäre schon wieder aller Tage Abend am Döppersberg. Das wäre falsch. Denn die Realität im August 2019 ist kein Vergleich zum Zustand, in dem Busreisende ihr Leben riskierten, um über die vielspurige Straße ihre Linie zu erreichen, oder als ein Aluminiumvorbau die schöne Fassade des klassizistischen Bahnhofsgebäudes verschandelte, ganz zu schweigen vom Tunnel, der den Bahnhof nicht immer geruchsfrei mit der Innenstadt verbunden hat. All das war und ist verzichtbar. Es wurde deshalb durch eine Planung ersetzt, die einer Stadt würdig ist, die sich zu den 20 größten in Deutschland zählen darf. Und das gilt es nicht zu vergessen, wenn die Diskussion darüber geführt wird, wie sich Wuppertal gegenüber seinem neuen Zentrum verhalten will. Diese Frage ist bisher nicht von jedem eindeutig beantwortet.

Für einen Teil der Wuppertaler Bürgerschaft scheint allerdings leider schon klar zu sein, dass der neue Döppersberg nichts ist, dem Respekt und Verantwortungsbewusstsein gebührt. Noch sind die Schäden überschaubar, die diese Dummköpfe angerichtet haben. Ein paar zerschnittene Taubenseile, ein paar verbogene Schutzstangen im offenen Mauerwerk. Das ist ärgerlich, aber noch verschmerzbar, solange es nicht schlimmer wird.

Das aber dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit geschehen, wenn die eingangs angesprochenen Schuld- und Machtlosen sich nicht bald ernsthaft mit der Zukunft des Projektes Döppersberg beschäftigen. Es geht nämlich nicht darum, aus einer zuletzt ärgerlichen Entwicklung OB-Wahlkampf-Munition zu basteln. Es geht darum, wachsende Probleme zu lösen und deren Ursachen zu bekämpfen. Auch wenn dazu mehr Personal für den Ordnungsdienst und die Polizei notwendig sein sollte.

Auf der Zielgeraden der Umgestaltung des Döppersberges sind von Politikern und Stadtverwaltern Fehler gemacht worden, die sich nun zu rächen beginnen. Und davon ist die Wanderschaft des Primark-Gebäudes noch der geringste. Viel schwerer wiegt inzwischen, dass die Stadt Wuppertal die Entwicklung der Geschäftsbrücke dem Eigentümer des Primark-Gebäudes überlassen hat, ohne Netz und doppelten Boden, anscheinend ohne Vetorecht. Was das für das neue Stadtzentrum bedeutet, wird nun immer offensichtlicher. Während die Bahnhofshalle einer Großstadt nicht zuletzt durch den Gastronomie- und Einzelhandelsbesatz alle Ehre macht, geschieht auf der sogenannten Geschäftsbrücke das krasse Gegenteil. Neben Vorwerk, siedelt der Eigentümer einen Billigladen nach dem anderen an. Unabhängig davon, dass solche Geschäfte nicht den Kundenkreis anzieht, mit dem Vorwerk in dieser bevorzugten Lage gerechnet haben dürfte, ist das ein Widerspruch zu den insgesamt 150 Millionen Euro, die Wuppertal auf Kosten aller Steuerzahler in den Döppersberg investiert hat. Er soll und sollte Zukunft dokumentieren, Aufschwung und neue Stärke. Doch wer die Bahnhofshalle verlässt und den schönen Vorplatz betritt, wird bald aus allen Träumen gerissen. Billig hier, noch billiger dort, und am Ende der Brücke versucht Vorwerk mit attestiert guten Produkten gute Umsätze zu machen. Mit sinnvoller Wirtschaftsförderung und nachhaltiger Stadtentwicklung hat all das nichts zu tun.

Dazu passt bedrückend, dass die Stadtwerke nicht in der Lage zu sein scheinen, die Schwebebahn-Station in einem annehmbaren Zeitraum auf Vordermann zu bringen. Und wenn all das so weitergeht, verpufft eine 150-Millionen-Euro-Investition, die Wuppertal eigentlich in die Gegenwart moderner, lebhafter und zukunftsfähiger Großstädte in Deutschland hieven sollte. Mit so einer Hypothek wäre es schwer, Oberbürgermeister zu bleiben oder Oberbürgermeister zu werden.