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Von Hellsehern und Hypnotiseuren

Von Hellsehern und Hypnotiseuren

WZ-Kolumnist Uwe Becker stimmt einen Lobgesang auf seine Eltern an.

Mein Vater war Koch, Bäcker, Illusionist, Lagerleiter, Clown und später Prokurist in der Automobil-Branche. Als mein zukünftiger Daddy 1948 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte, verzauberte der attraktive Mann zunächst meine wunderschöne, spätere Mutter, die zwar einem polnischen Zwangsarbeiter versprochen war, die Verlobung aber zeitnah löste, weil die jungen Damen auf dem Ölberg bei meinem Vater schon Schlange standen.

Viele dieser Mädchen, die sich zurecht wenige Chancen auf ein amouröses Abenteuer mit ihm ausrechneten, wollten wenigstens ein Selfie mit ihm machen, aber leider gab es zu dieser Zeit noch keine Smartphones. 1949 heirateten diese bildhübschen Menschen in Elberfeld. Zwei Jahre später wurde mein Bruder geboren, einige Zeit darauf kam ich auf die Welt, ein Ereignis, dass für meinen Sohn eine existenzielle Bedeutung hat.

Mein Vater war keiner dieser Männer, die am Abend ins Wirtshaus gingen, nein, er verbrachte die Zeit lieber mit seiner unverschämt gut aussehenden Frau und seinen vortrefflich gelungenen Söhnen. Als meine Mutter auch einer gewinnbringenden Arbeit nachging, teilten sich meine Eltern fortan die unbezahlte Hausarbeit, was zu dieser Zeit nicht üblich war. Mein Vater putzte, kochte und backte, meine Mutter musste nur die Wäsche übernehmen, wofür selbstverständlich eine Waschmaschine der Spitzenklasse angeschafft wurde. Wir saßen an Winterabenden vor dem wärmenden Kohleofen und an Sommerabenden auf dem Balkon, um seinen spannenden Erzählungen zu lauschen.

Mein Vater musste im Kriegsgefangenenlager in der Küche arbeiten und erzählte, wie er aus nur zehn Eiern für 1000 Gefangene Omeletts machte und Brot ohne Mehl backen musste. Seine Geschichten hatten oft biblische Züge. Für mich war mein Dad verdammt nah an Jesus. Im privaten Freundeskreis spielte mein Vater gerne den Clown, aber auch bei Firmenfesten, wo er zusätzlich auch noch als Zauberkünstler auftrat. Natürlich konnte mein Vater auch eine Frau durchsägen (Nachbarin) und Kaninchen aus dem Hut zaubern. Auf der Firmenfeier ließ mein Vater sogar den Chef „verschwinden“, wofür die Chefin sich sehr dankbar zeigte und ihm Prokura erteilte. Mit den Kartentricks, die mein Erzeuger uns Brüdern beibrachte, konnten wir bereits im ersten Schuljahr die Herzen der Klassenkameradinnen erobern.

Mein Papa kannte sich aber auch in der Kunst der Hypnose bestens aus. Manchmal durften wir Kinder daran teilhaben, wenn er meine Mutter hypnotisierte. Er schaute ihr dann tief in die Augen und sprach: „Du wirst jetzt das tun, was ich dir sage. Wenn ich bis Drei gezählt habe, stehst du auf, gehst in die Küche und schmierst mir ein Käsebrot.“ Tatsächlich stand meine Mutter langsam auf, ging wie ferngesteuert in die Küche und kam mit dem Käsebrot zurück. Mein Bruder und ich waren natürlich schwer beeindruckt. Mein Vater schnippte dann mit den Fingern, worauf meine Mutter aus der Hypnose erwachte, und sich dann wunderte, wo das Käsebrot herkam. Ein paar Tage später fragte ich beim Abendbrot meinen Vater: „Kannst du die Mutti gleich wieder hypnotisieren, ich möchte so gerne einen Obstsalat.“ Meine Mutter meinte lächelnd: „Dein Vater ist Hypnotiseur, aber deine Mutter Hellseherin — der Obstsalat steht im Kühlschrank!“ Bitte liken, wer auch solch tolle Eltern hat.