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Von Frost und beinharten Jecken

Von Frost und beinharten Jecken

Jürgen Scheugenpflug ist Wuppertaler Kabarettist und Leiter der Kabarett-Academy. In seinem satirischen Wochen-Rückblick kommentiert er Ereignisse aus dem Stadtleben.

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An die fatalen Auswirkungen einer bevorstehendenKlimaerwärmung zu glauben, fällt bei den derzeitigenWetterverhältnissen noch schwerer, als einem Politiker einWahlversprechen abzunehmen. Wuppertal erstarrt in Frost, und dieVerkehrswege erinnern unschön mit all den Beulen und Dellen an einCellulitis-geschädigtes Hinterteil. Hochkonjunktur herrscht inReparaturwerkstätten, Arztpraxen und Kliniken, die der Blechschäden,der Achsen- oder Knochenbrüche kaum mehr Herr werden. Salz ist derweilnoch knapper als das Geld im Stadtsäckel. In vielen Haushalten bleibtdas Frühstücksei ungewürzt, um die letzte heilige Prise für dieEisfreiheit des Gehweges zu opfern. Heimlich, denn nur der Stadt ist es erlaubt, das umweltschädliche Streumittel straffrei zuverwenden.

Doch nun sind die Vorräte und die Geduld derBürger am Ende. Denen flatterte nämlich Ende Januar der alljährlicheGrundabgabenbescheid ins verschneite Heim. Die dort extra ausgewiesenenWinterräumgebühren sind förmlich explodiert, während die zu bezahlendeGegenleistung teilweise gegen Null tendiert. In manch abgelegenemStadtteil leben noch ältere Eingeborene, die seit Weihnachten nichtmehr ihr häusliches Reservat verlassen haben. Um Haaresbreite derSchweinegrippe entkommen, vegetieren sie, von der Zivilisationabgeschnitten, in ihren feuchten Wohnhöhlen und wissen nur noch ausdüsteren Erinnerungen, dass Barmen und Elberfeld noch immer geteiltsind. Falls diese Vergessenen in den nächsten Wochen doch einmal vordie Türe kommen, wartet dort schon die nächste, böse Überraschung:Müllberge - diesmal nicht aus Neapel importiert. Aber es gibt auchkreative Höchstleistungen zu vermelden: Das Ordnungsamt ahndet nichtmehr nur Sperrmülldiebstahl streng, sondern neuerdings auch strafbareHandlungen beim Schneeräumen auf Gehwegen.

Die einzigen,denen der Winter egal ist, sind die Jecken. Unterstützt von denvorübergehend arbeitslosen WSV-Kickern, ignorierten sie amKarnevals-Sonntag die eisige Witterung und schunkelten freude- undanders trunken über die Talachse. Das diesjährige Motto "bei uns gehtnix die Wupper runter" mutet jedoch angesichts ständigen Jammerns übergekürzte Zuschüsse lächerlich wie eine schlecht gereimte Büttenrede an.Liebe Jeckinnen und Jecken, wer ausreichend Kohle hat, tagelang inirgendwelchen Sälen oder Kneipen zu zechen, der sollte auch in der Lagesein, 3000 Euro für den Betriebsausflug am Rosensonntag zu sammeln.Schon der Verzicht von einem Bier je Sitzung würde Überschüsseerwirtschaften und wäre obendrein der Gesundheit zuträglich. Falls dasnicht klappt: Einfach einen Politiker fragen, der sich mit Spendenauskennt.

Apropos: Die Fahnenflucht des OB Peter Jung zuAltweiberfastnacht bedecken wir mit der Narrenkappe des Schweigens. Alsdie beschwipsten Weiber wieder einmal sein bestes Stück abschneidenwollten, war er schon mal weg. Das Rathaus dagegen überließ er jenengerne, denn da gibt es bekanntlich nichts zu holen, Ehrenwort.