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Stadtentwicklung: Von einer Nordstadt ohne Altbauten

Stadtentwicklung : Von einer Nordstadt ohne Altbauten

In den 70ern gab es Pläne, die Nordstadt zu sanieren. Viele Häuser sollten abgerissen werden.

Nordstadt. Wer zum ersten Mal durch die Nordstadt geht, ist ziemlich sicher angetan von den alten Bauten, den Fassaden, den Verziehrungen. Heute kann sich Wuppertal damit schmücken. Die Nordstadt blüht. Am Ölberg sieht man das etwa anhand der Debatte um Gentrifizierung — die Sorge vor steigenden Mieten ist da. Und an der Mirke hat etwa Utopiastadt dazu beigetragen, das Viertel zu beleben. Ebenso die Nordbahntrasse. Die Viertel sind beliebt.

Foto: Anna Schwartz

In den 60er Jahren aber gab es eine starke Abwanderung aus der Nordstadt. Denn die alte Baustruktur, die vom Krieg verschont geblieben war, brachte eben auch mit sich, dass die Wohnverhältnisse nicht mehr zeitgemäß waren. Die Stadt hatte die Nordstadt schon 1966 als Sanierungsgebiet erkannt. 75 Prozent der Wohnungen hatten keine eigene Toilette, 94 Prozent nur eine Ofenheizung. Der Umzug in die Südstadt galt als sozialer Aufstieg. Wer blieb, war meist alt, zugewandert, arm.

Um all dem entgegenzuwirken, gab es Ideen, viel von dem Altbau loszuwerden. Christiane Gertz schreibt in ihrem Buch „Der Ölberg — Mein Kiez“ von Ideen, eine Hochhaussiedlung entlang der Treppe Tippen-Tappen-Tönchen zu errichten. Auch zeigt sie ein Bild einer geplanten Hochhaussiedlung entlang des Hanges zwischen der Treppe und Grünewalder Berg. Terrassenbauten statt Altbauten.

Um Daten über die Sanierungsgebiete zu sammeln, gab die Stadt ein Gutachten in Auftrag. Das Prognos-Papier von 1971 „bestätigt den dringenden Sanierungsbedarf“, heißt es in der Stadtchronik von Hinrich Heyken, „und macht klar, dass eine Anpassung an moderne Wohnverhältnisse nur durch erhebliche Eingriffe in die bestehenden Strukturen möglich ist (Entkernung, Gebäude- und Wohnungsverbesserung, mehr Parkplätze und Ausbau der Infrastruktur).“

Der Rat hat 1974 einen ersten Sanierungsabschnitt zwischen Wiesen- und Markomannenstraße beschlossen. Rainer Widmann ist zu der Zeit als Straßenplaner in die Verwaltung gekommen. Er hat selbst in der Nordstadt gewohnt und erinnert sich, dass er „geschockt“ gewesen sei angesichts der Pläne zur Flächensanierung, also des Abrisses — die er in den Sitzungen das Amts sehen konnte. Abgerissen wurde dann der Block zwischen Höchsten, Gerber- und Wiesenstraße. „So sollte die ganze Nordstadt aussehen“, blickt er auf die heute dort stehenden Häuser.

Jürgen Specht ist über diese Entwicklung in die Politik gekommen. In einem Zusammenschluss aus SPD-Ortsverein und Elberfelder Bürgerverein hat der Statiker mitgeholfen, Gegenplanungen zu machen. Ihm zufolge hatte die Stadt schnell von den Plänen zum kompletten Abriss Abstand genommen. Zu teuer. Zu viele Umsiedlungen. Sorgen vor Gegenwind durch Beteiligungsverfahren. Auch habe sich der Zeitgeist geändert, hin zu mehr Wertschätzung für die alte Struktur.

Trotzdem sollte vor allem mehr Licht geschaffen, die Struktur aufgelockert werden. So wurde im Block zwischen Wiesen-, Neue Nordstraße, Helmholtz- und Neue Friedrichstraße der Innenhof freigemacht. Es entstand eine Tiefgarage mit Grünanlage darauf. In den umliegenden Häusern wurde „durchgebaut“, Sie wurden gleichzeitig kernsaniert. Auch wurde das Goldzack-Gebäude saniert, um die Firmen aus den Hinterhöfen dort unterzubringen.

Im Zuge der Maßnahmen ist aber aufgefallen, dass Sanierungen in dem Ausmaß zu teuer sind, zu zeitintensiv. So wurde die Vorgehensweise im zweiten Abschnitt, dem Ölberg, ab 1978 verändert. „Die Entkernung der Hinterhäuser wurde schnell gestoppt“, sagt Specht. Für die Sanierungen der Wohnhäuser wurde in kleinen Schritten geplant — Wohnung für Wohnung, Fenster, Heizung, Toilette. Ziel war, einen modernen Standard zu schaffen, ohne die Mieten hochzutreiben und die Anwohner zu vertreiben.

Unterdessen kam es dabei aber zum größten Widerstand des gesamten Prozesses. „Die Planer hatten beschlossen, das Bügeleisenhaus abzureißen“, sagt Specht. Heykens Stadtchronik spricht von „heftigen Diskussionen und Protesten“. Widmann erinnert sich, dass bei jeder Sitzung des Planungsausschusses Gegner der Sanierungen und Polizei dabei waren. „Aber es blieb immer ruhig.“ Nur auf der Straße sei Stimmung gemacht worden, erinnert sich Widmann. Mit Erfolg. Das Haus an Ottenbrucher Straße und Grünewalder Berg ist am Ende stehengeblieben. Wie so vieles andere in der Nordstadt.

Hagen Stölting, damals bei der Wirtschaftsförderung, fasst das alles so zusammen: „Aus heutiger Sicht ist das gut geglückt. Struktur erhalten und viel kaputt machen — das wäre nicht gegangen.“