Von den Farben der Erinnerung

Von den Farben der Erinnerung

Interview: „Neues Stück II“ wird am Samstag in der Oper Wuppertal uraufgeführt.

Es ist die erste Spielzeit des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch unter der Intendanz von Adolphe Binder. Die erste zudem, in der Gastchoreographen abendfüllende Uraufführungen auf die Bühne im Opernhaus bringen. Mitte Mai wagte Dimitri Papaioannou den „Sprung ins kalte Wasser“ mit „Seit sie“, am 2. Juni folgt nun Alan Lucien Øyen mit „Neues Stück II“. Der preisgekrönte norwegische Choreograf, Regisseur und Dramatiker lotet in seinen transdisziplinären Arbeiten das Verhältnis von Realität und Fiktion aus, untersucht, wie Menschen kommunizieren. Im Gespräch mit der WZ verraten er und das langjährige Ensemblemitglied Rainer Behr, was die Zuschauer am Samstag erwartet, wie die Probenarbeit verläuft und was es mit verhangenen Kodakfarben auf sich hat.

Herr Behr, Sie arbeiten selbst auch als Choreograph.

Behr: Wir alle sind Kreierende. Da ist jemand, der auch choreographisch arbeitet, am richtigen Platz. Bei Alan haben wir viel Raum, Dinge zu basteln. Ob sie genommen oder verändert werden, ist eine andere Sache. Im Grunde kann jeder da sein Choreograph sein. Ich mag das sehr.

Herr Behr, wie viel Pina Bausch steckt in „Neues Stück II“?

Behr: Wir Tänzer sind die Elemente von Pina Bausch. Und durch uns fließen diese auch in andere Stücke ein, an denen wir mitwirken. Ich tanze nicht wie bei Pina, ich tanze wie ich.

Herr Øyen, wird Ihr Stück einen Namen kriegen und wie lange ist es?

Øyen: Nein, vorerst bleibt es bei „Neues Stück II“. Es wird definitiv nicht zwei und hoffentlich nicht vier Stunden lang sein.

Wie ist die Zusammenarbeit?

Øyen: Sehr gut, unglaublich, engagiert, leidenschaftlich und großzügig. Wir versuchen, schnell zu sein und uns zugleich die Zeit zu nehmen, die es eben braucht. Wir arbeiten und dann schauen wir, was wir erarbeitet haben. Wir suchen, was für das Stück richtig ist.

Behr: Wir haben einen großen Raum bekommen, wo wir machen konnten, was wir wollten. Was wir gefunden und erlebt haben, hat Alan gesammelt. Auch bei Pina gab es eine Frage und dann legten wir los. Da konnte alles Platz drin haben. Und diesen Platz hatten wir jetzt auch. So arbeiten viele, aber Pina war die erste.

Herr Øyen, was werden die Zuschauer am Samstag sehen?

Øyen: Es geht um Tod und Verlust. Das ist absolut: Du stirbst, du verlierst jemanden. Und es geht um Kommunikation, Warten, herauszufinden, was der richtige Augenblick ist. Um aufzustehen oder sich hinzusetzen, zu gehen oder zu bleiben oder gehen zu lassen, um Entscheidungen zu treffen. Es ist ein Stück über Erinnerungen, über Verlust, Bewegung, Veränderung und damit verbundene Gefühle.

Herr Øyen, verraten Sie uns Inhalte und Elemente des Stücks?

Øyen: Manche Szenen sind cinematisch, andere theatralisch, und wieder andere erscheinen sehr real. Wir arbeiten mit realen Geschichten - der Tänzer und meinen. Alles ist wahr, aber wir verändern die Dinge, wenn wir sie zusammenfügen. wenn wir versuchen, dass viele Geschichten eine werden. Eine Version wird es am Samstag geben, aber ob es die finale ist, werden wir sehen. Wir arbeiten dran. Es wird natürlich getanzt und dazu gesprochen oder auch nicht. Es gibt viele Farben, aber sie sind bedeckt, nicht knallfarben. Die Farben der Erinnerung sind für mich die von Kodak, wahrscheinlich weil sie mich an meine Kindheit erinnern.

Herr Behr, welches ist Ihre bevorzugte Ausdrucksform?

Behr: Ich bin gewohnt, mit meinem Körper zu sprechen. Deshalb wirke ich auch in diesem Stück mit. Zugleich wird viel gesprochen. Das ist schon eine Aufgabe, da natürlich und authentisch zu bleiben. Das übt man ja nicht täglich. Außerdem bekommen wir erst am Ende mit, wie alles sein wird. Es gibt viele Änderungen, und wir haben viele Aufgaben.

Herr Øyen, Sie haben schon früher für Adolphe Binder gearbeitet - kann man das mit jetzt vergleichen?

Øyen: Die Erfahrung, mit dem Ensemble zu arbeiten ist einzigartig, weil es einzigartig ist. Ich bin sehr glücklich über Adolphes Vertrauen und Einladung. Mein Anspruch an künstlerische Arbeit ist immer der gleiche - ich versuche Menschen zu treffen, ins Gespräch zu kommen, einander kennenzulernen, ohne Druck, so dass wir den Mut finden, etwas zusammen zu tun. Man muss gut zuhören und warten können. Ich möchte Dinge nicht erzwingen, besser ist es, wenn sie sich ergeben. Darin hatte ich stets die volle Unterstützung von Adolphe, die drei meiner Stücke beauftragt hat seit 2014.

Freuen Sie sich auf Samstag?

Øyen: Ja, aber alles zu seiner Zeit. Natürlich ist es aufregend, auch zu sehen, wie das Stück sein und von den Zuschauern angenommen wird.

Behr: Ich freue mich drauf und ich habe Respekt.

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