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Von Adlern und Albatrossen

Von Adlern und Albatrossen

Bei aller Liebe zu Wuppertal, bei allem, was an der Stadt und ihren Einwohnern schöner und besser ist als vermutlich sonst wo auf der Welt, manchmal ist Wuppertal auch zum Verzweifeln. Dann zum Beispiel, wenn es sich wieder einmal selbst im Wege steht, wenn Befindlich- und Eitelkeiten über Wohl und Wehe entscheiden, wenn aus Prinzip schlecht geredet wird, was in Wirklichkeit gut, wenn die zweitbeste Lösung als das Maß aller Dinge dargetan wird, wenn alle das Unheil haben kommen sehen, die entscheidenden Personen im entscheidenden Moment aber die Hand vor die Augen nehmen.

Es gibt auch Fälle, in denen Wuppertal mit einem blauen Auge davon gekommen ist. Der Döppersberg ist so ein Fall. Ja, der Bahnhofsvorplatz wäre größer schöner, die Mauer ist ein bisschen schwer verdaulich, bis Patina sie auf älter trimmt, als sie eigentlich ist, und auch ein Drogensüchtigen- und Drogenhändleranlaufplatz wäre an dieser Stelle nicht unbedingt notwendig gewesen. Und über das Radhaus hinter dem Kaufhaus entscheiden ein irgendwann vielleicht einmal modernes Verkehrskonzept für die Stadt, vor allem aber die Fahrradfahrer. Zumindest hässlich wird es aller Voraussicht nach wenigstens nicht. Also ist es unter dem Strich noch einmal gut gegangen, vermutlich, weil die ursprünglichen Pläne so viel Qualität hatten, dass sie die vermeintlichen Nachbesserungen von Stadtverwaltern, Investoren und Politikern verschmerzen können.

In Barmen ist das eindeutig nicht der Fall. Hier wird der Fluch der schlechten Tat in den nächsten Jahren manifest. Ja, es geht um den Carnaper Platz. Mehr noch geht es um die neue Zentrale der Wuppertaler Stadtwerke, die auf dem Carnaper Platz hätte entstehen können und sollen. Aber das wollten einflussreiche Barmer, Rotter und Nächstebrecker nicht, wegen der tollen Zirkusse und der atemberaubenden Kirmes, die dort höchstens dreimal im Jahr Station machen. Deshalb müssen die Stadtwerke sich irgendwie auf ihrem angestammten Gelände erneuern. Wozu das führen wird, hat die Geschäftsführung in dieser Woche eingeräumt. Die WSW sind mit einem ambitionierten Architektenentwurf in ihre Zukunft gestartet wie ein stolzer Adler mit weiten Schwingen. Sie werden landen wie ein Albatros. Denn nun stellt sich heraus, dass für das eigentliche Bauwerk verhältnismäßig wenig Geld da ist. Für unverhältnismäßig viel Geld müssen vor Baubeginn nämlich Leitungen aus dem Betriebsgelände genommen und neu verlegt werden. Wie teuer so etwas ist, steht in der Geschichte des Wuppersammlers.

Das Ergebnis ist, dass die Stadtwerke sich kleiner setzen müssen. Weniger Höhe, mehr Breite, weniger Glas, mehr Beton, mehr Geld für weniger Baukunst.

Unabhängig davon, dass die Mitarbeiter der Stadtwerke nach Jahren in PCB-verseuchten Büros etwas besseres verdienten, hätte sich auch Barmen mehr gönnen sollen. Der Carnaper Platz war und ist ein idealer Standort für eine architektonische Landmarke am Eingangstor zur sehenswerten Innenstadt. Er wird eine große, weite Fläche, umzäunt und mit einer Zufahrtsschranke versehen, auf dass Lastwagen, Wohnmobile und etlich Autos schöner verweilen können, gegen Geld, versteht sich, aber nicht gegen sonderlich viel Geld. Die Einnahmen der Stadt sollen reichen, den Parkplatz in Schuss zu halten.

Bravo. Das ist doch endlich einmal nachhaltige Stadtentwicklung, und die kommt auch noch mit einer Botschaft: In Elberfeld wird gelebt, in Barmen wird geparkt. Die Barmer, die Rotter und auch die Nächstebrecker sollten ihre Carnaper-Platz-Retter einmal fragen, ob sie das wirklich so gewollt haben. Die Antwort ist allerdings nun auch schon egal. Derzeit spricht nichts dafür, dass sich die Zirkus- und Kirmesenthusiasten noch einmal besinnen. Und das ist sehr schade. Es ist schade für die Stadtwerke, es ist schade für den Carnaper Platz. Vor allem aber ist es schade für Bar- men.