Wuppertaler weltweit: Vom Zeitungsjungen zum Auswanderer

Wuppertaler weltweit : Vom Zeitungsjungen zum Auswanderer

Werner Vogt hat zwei Jahre lang im Nachkriegsdeutschland den General Anzeiger zugestellt. Dann verwirklichte er seinen Traum in Kalifornien.

„Wir mussten nachmittags die Zeitungen an der Neumarktstraße abholen“, sagt Werner Vogt. Die Zeitungen seien ein Rollband heruntergekommen. Er musste sie in einer Tragetasche aus Segelleinen rausbringen und mit der Straßenbahn in die Pestalozzistraße nach Elberfeld bringen. Der 81-Jährige erinnert sich an seine Zeit als Zeitungszusteller des General-Anzeigers als wäre es gestern gewesen. Namen, Straßen und seinen Bezirk hat er im Kopf. Werner Vogt lebt aber seit mehr als 60 Jahren in Kalifornien, USA. Hier nennt er sich Vern, weil die Aussprache des deutschen Namens viele Amerikaner überfordere.

Seine Erinnerungen an seinen ersten Job stammen aus einer anderen Zeit, der Nachkriegszeit. 1951, im Alter von zwölf Jahren, begann Werner Vogt, als Zeitungsjunge den General Anzeiger auszutragen. Wuppertal lag wie viele andere deutsche Städte in Trümmern. „Der Arrenberg war ein Trümmerhaufen, es gab nur kleine Pfade durch die Steine“, erzählt Werner Vogt. Seine Großeltern, die am Königshöher Weg wohnten, bezogen die Zeitung. Über die Zeitungsausträgerin Erna Klamberg bekam er seinen Job.

Die Zeitungszusteller klingelten damals und übergaben persönlich die Zeitung. „Manchmal kamen uns die Kunden entgegen, damit wir nicht alle Treppen hochlaufen mussten“, sagt Werner Vogt. Der persönliche Kontakt bescherte ihm zu Weihnachten einen bunten Teller mit Gebäck. „Das war in der Nachkriegszeit wahnsinnig schön“, sagt Vogt. Im zweiten Jahr als Zeitungsjunge konnte man bereits merken, dass es den Deutschen wieder besser ging – auch die Ausbeute des Zeitungsjungen war üppiger.

Obwohl nicht viel Zeit blieb und er von seinem „Boss“ mehrere Zeitungen bekam und dann die Treppen hoch laufen musste, blieb manchmal etwas Zeit, um den Sportteil zu lesen. Werner Vogt arbeitete zwei Jahre lang sechs Tage pro Woche als Zeitungsjunge. Dafür bekam er 20 Mark im Monat. „Der einzige Grund, warum der Job rentabel war, war, dass mein Großvater selbst die Schuhe besohlt hat“, sagt Werner Vogt. Auf der dreieinhalbstündigen Tour durch die Pestalozzi-, Gutenberg-, Arrenberg-, Viehofstraße und Benzstraße habe er nämlich einen hohen Schuhverschleiß gehabt.

Nach zwei Jahren begann er eine Lehre als Automechaniker in Wuppertal. Nachdem er 1958 den Gesellenbrief hatte, verdiente er Geld damit, Blumen für einen Großhändler in Düsseldorf auszuliefern. 1959 wanderte er in die USA aus. „Ich hatte alle Karl-May-Bücher gelesen. Ich wollte die Welt sehen“, begründet er seine Wahl, nach Kalifornien auszuwandern. „Es gab Berufsquoten. Als Automechaniker war es einfach, einen Job zu finden“, sagt Werner Vogt. Gegenüber der MGM-Studios in Los Angeles fing er in einer Porsche-Werkstatt an zu arbeiten. Ein anderer Deutscher hatte ihm bei der Suche geholfen.

„Ich habe dann relativ schnell als Monteur in einer weltweit tätigen Maschinenfabrik gearbeitet“, sagt Werner Vogt, der zunächst als Verkaufsvertreter in mehreren Bundesstaaten arbeitete. Anschließend arbeitete er in der gleichen Firma bis 2008 als Verkaufsleiter in Europa und Nordamerika. Werner Vogt lebt mit seiner Frau südlich von Los Angeles. Sie haben drei erwachsene Kinder. An Wuppertal hat Werner Vogt lebhafte Erinnerungen. Besucht hat er die Stadt zuletzt 2013, weil seine Schwester noch am Nützenberg lebt.