Uwe Beckers Füllhorn des Glücks

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Ein Füllhorn des Glücks

Unser Kolumnist Uwe Becker wäre fast Wahlhelfer geworden.

Wenn ich nach einem guten Thema für meine Kolumne Ausschau halte, blättere ich an manchen Tagen gerne im Internet oder in Magazinen und Zeitungen. In der Regel reicht mir oft auch ein Blick aus dem Fenster, das schreibe ich jetzt, damit keiner denkt, mir würden die Ideen ausgehen oder ich würde verzweifelt nach ihnen suchen. Wenn es nach mir ginge, könnte ich jeden Tag eine oder gar zwei, eventuell sogar drei oder vier Kolumnen in dieser Zeitung veröffentlichen. Und das wäre nicht einmal übertrieben oder angeberisch, weil es einfach so ist, übrigens. Nebenher würde ich zusätzlich leckeres Essen kochen, die Wäsche machen, und Frau und Kind bespaßen, wenn letzteres nicht schon erwachsen und aus dem Haus wäre.

Im Grunde beschreibt das Füllhorn, ein mythologisches Symbol des Glückes, mein Leben und Wirken am deutlichsten, ist es doch reichhaltig gefüllt mit Freude, Liebe, Freizeit, Ideen, Pumpernickel, Blumen, Früchten, und steht auch für Fruchtbarkeit, Freigebigkeit, Reichtum und Überfluss in rauen Mengen. Wer kann das schon von sich behaupten?

Als ich kürzlich in einem Wochenmagazin einen höchst unglaublichen und verstörenden Artikel über die Wahlen in Indonesien las, da hatte ich zunächst den Verdacht, dass sich dort wieder ein Redakteur etwas ausgedacht hat, um hierfür später unrechtmäßig einen Journalistenpreis zu erhalten. Allerdings stimmt nach meiner Recherche die Geschichte wirklich: Nach der Wahl in dem südasiatischen Land seien mehr als 270 Wahlhelfer gestorben. Als Grund nannte ein Sprecher der Wahlkommission die durch Übermüdung und Erschöpfung hervorgerufenen Krankheiten.

So etwas kann man sich in unseren Breiten nicht vorstellen. Gut, in Indonesien fanden die Präsidentschaftswahlen zusammen mit kommunalen und regionalen Parlamentswahlen statt, und die Wahlbeteiligung lag bei 80 Prozent, das war bei 193 Millionen Wahlberechtigten ein immenser Kraftakt für die Menschen dort. Was aber in Indonesien geschehen ist, finde ich unfassbar und menschenunwürdig, weil die Helfer mehr als 30 Stunden am Stück mit der Auswertung der Stimmzettel befasst waren. Die Bevölkerung Indonesiens hatte in 800 000 Wahllokalen die Gelegenheit sich zwischen 245 000 Kandidaten zu entscheiden. Jeder Wahlberechtigte hatte fünf Stimmzettel und es waren sieben Millionen Wahlhelfer im Einsatz.

Vor einigen Tagen hatte ich noch selber einen Einsatz als freiwilliger Wahlhelfer bei der Europawahl und der Abstimmung über die Seilbahn in Erwägung gezogen, die schlimmen Nachrichten aus Indonesien haben mich aber dazu bewogen, von diesem Hilfsangebot für die Stadt Wuppertal Abstand zu nehmen, nicht weil ich Angst hätte, das Zählen von Stimmen würde mich überfordern oder zu sehr ermüden, hält sich doch die Wahlbeteiligung gerade bei Europawahlen in überschaubaren Grenzen, sondern weil ich sehr abergläubisch bin, und mir bei solchen Dingen immer einbilde, dass es mir genau so ergehen wird, wie den Wahlhelfern, die in Indonesien zu Tode gekommen sind.

Ich weiß, dass das natürlich Unsinn ist, aber ich bekomme es leider nicht aus dem Kopf. Ich will so ein Unglück schlicht und ergreifend auch nicht heraufbeschwören. Den Spruch mit dem Pferd vor einer Apotheke schenke ich mir an dieser Stelle. Vielleicht mache ich dieser Tage mal einen Termin mit einem Psychoanalytiker, schaden kann so ein Gespräch nicht.

Einen Termin muss ich auf alle Fälle beim Einwohnermeldeamt machen, da am 30. Juni mein Personalausweis seine Gültigkeit einbüßt. Die Personaldecke in diesem Amt ist, das wissen viele Bürger aus eigener Erfahrung, sehr dünn. Ich frage mich allerdings, und man möge mir jetzt schon verzeihen, ob der andauernd seitens der Stadt kommunizierte „hohe Krankenstand“ wirklich für die Personallücken verantwortlich ist, oder, und das möchte man natürlich nicht zu Ende denken oder gar glauben, ist alles so schlimm und furchtbar wie in Indonesien, und ein großer Teil der Mitarbeiter des Einwohnermeldeamtes ist wegen Überarbeitung, Übermüdung und Erschöpfung…nein, ich will mir das nicht vorstellen. Ich hoffe, sie leben alle noch und können uns bald wieder mit einem freundlichen „Der Nächste bitte“ an ihren Schreibtisch rufen.