Uwe Becker will faire Kleidung für alle

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Nur noch faire Kleidung fürs Volk

Wenn Uwe Becker König von Wuppertal wäre, gäbe es ganz spezielle Kleidervorschriften - auch für Mädels.

Als letzten Dienstag der Mieter unseres Prachtbaus am Döppersberg sein Textilwarenhaus feierlich, aber auch von Protesten begleitet, eröffnen durfte, schwitzte ich fleißig in meiner fair gehandelten Berufsbekleidung als Sternchen-Koch in einem beliebten Etablissement der sogenannten Szene-Gastronomie auf der Wuppertaler Amüsiermeile, auch gerne „Das Luisenviertel mit dem italienischen Flair“ genannt.

Was in einer freiheitlichen Demokratie alles parallel stattfinden darf, finde ich immer wieder klasse und erstaunlich: Auf der einen Seite eröffnet in Anwesenheit der Fraktionsspitze der Wuppertaler CDU ein Textildiscounter, der ungesunde Modefummel von Kindern in Indien zusammennähen lässt, eine 20 Mal zu groß geratene Filiale, auf der anderen Seite wird aber auch ein Protest gegen die Eröffnung der überdimensionalen Schnäppchen-Boutique gestattet, weil bei uns Kinderarbeit verboten ist, nicht aber der Verkauf von Textilien, die von Kindern im fernen Asien gefertigt wurden.

Die guten, gesunden Fairtrade-Textilien können sich bei uns leider nur Lehrer, Ärzte, Kneipiers und Schausteller, wie der Boss der lokalen CDU, Michael Müller, leisten. Wenn ich König von Wuppertal wäre, würde ich anordnen, dass mein Volk nur noch schlichte, fair gehandelte Kleidung trüge (auch alle Mädchen von 13 bis 21 Jahren übrigens, haha!). Das Tragen von Pullovern aus Schafwolle könnte ich meinen Untertanen auch gestatten, vorausgesetzt, sie bereiten mir aus dem Rest des Tieres einen leckeren, knusprigen Braten.

Jetzt mal Spaß beiseite: Mein Großvater mütterlicherseits war hier in Wuppertal als gelernter Schneider tätig, und seine Mutter arbeitete in einer Bandwirkerei. Die Städte Elberfeld und Barmen gehörten Mitte des 19. Jahrhunderts zu den größten Wirtschaftszentren des Europäischen Kontinents. Die Abwässer von Färbereien und anderen chemischen Industrien töteten nahezu alles Leben im Fluss. Heute ist die Wupper wieder sauber, aber die Gewässer in Indien, China und Bangladesh sind vergiftet, weil nun dort unsere T-Shirts und Höschen gefertigt werden.

Vielleicht sollten gerade wir Wuppertaler, sensibilisiert durch unsere eigene Geschichte, nur noch fair gehandelte Kleidung kaufen. Allerdings müssten wir dafür erstmal eine Stadtspitze abwählen, die sich als Lobbyist für Großunternehmen wie Primark entpuppt.

Wo wir gerade bei Textilien sind, fällt mir ein Schwank aus meiner Jugend ein: Als ich mich Ende der 1960er Jahre mit meiner Sporttasche auf den Weg zu einem Meisterschaftsspiel der B-Jugend meines Fußballvereins machte, hielt neben mir ein Polizeiwagen. Die Beamten sprangen aus dem Auto, fixierten mich und verfrachteten  mich ins Auto. Ich fragte, was ich denn getan hätte, bekam aber keine Antwort. Wir fuhren dann zu einem Handarbeitsgeschäft, in dem meine Mutter regelmäßig Stoffe und Nähgarn kaufte. Ein Beamter ging in den Laden und sprach mit der Verkäuferin, die dann zu mir in den Wagen schaute. Der Beamte kam zurück und klärte mich dann auf: der kleine Laden wurde wohl eine Stunde vorher von einem Halbwüchsigen überfallen, der mir ähnlich sah.

Die Polizisten wollten mich nun wieder zum Ort der vorläufigen Festnahme zurückbringen, da aber in knapp 20 Minuten unser Spiel gegen Grün-Weiß Wuppertal angepfiffen wurde, bat ich die Herren, mich direkt zum Sportplatz zu chauffieren. Kurz bevor wir durch das große Tor fuhren und direkt vor den Kabinen hielten, damit ich mich schnell umziehen konnte, hatte der Polizist, als kleine Entschädigung für meine Unannehmlichkeiten, spaßeshalber das Blaulicht und das Martinshorn eingeschaltet.

Meine auf dem Spielfeld wartenden Mitspieler staunten nicht schlecht, als Ich ihnen später erklärte, ich hätte den Polizeiwagen auf der Straße angehalten, weil mir die Straßenbahn vor der Nase weggefahren war, und ich zu spät zum Spiel gekommen wäre. Auch hätte ich den Beamten  glaubhaft versichert, dass ohne mich das in wenigen Minuten beginnende Spiel verloren gehen würde, worauf sie spontan auch noch meinen Wunsch nach „Tatütata“ erfüllten und ordentlich auf die Tube drückten.

Meine Sportkameraden glaubten mir meine Lügengeschichte, schoss ich doch bei unserem 3:0-Sieg tatsächlich alle Tore. Meine Mutter kaufte in diesem Handarbeitsgeschäft nie mehr ein. Ich glaube, sie schämte sich, obgleich ich doch unschuldig war. Irgendwie bleibt doch immer was hängen.

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