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Uwe Becker und die Wuppertaler Schwebebahn aus Sand

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Eine Schwebebahn aus Sand

Unser Kolumnist Uwe Becker sucht in seinem Urlaub Beschäftigung.

Wenn man im Urlaub Leute kennenlernt, im Hotel oder im Bungalow nebenan, drehen sich die ersten Gespräche oft um die Beschaffenheit der Unterkunft, die Qualität des Frühstücksbüffets oder ums Wetter: „Wenn Engel reisen, scheint die Sonne, haha!“ - „Regen haben wir auch zu Hause, aber die Luft ist hier besser!“ Ich möchte direkt klarstellen, dass eine Gesprächsoffensive über langweilige Unwichtigkeiten und grotesk Belanglosem niemals von mir ausgeht. Ich mache zum bösen Spiel oft nur die gute Miene. Man möchte die Leute natürlich nicht direkt vor den Kopf stoßen, sie meinen es ja nicht böse, aber es nervt mich schon sehr. Andererseits muss man mit ihnen ein paar Tage in derselben Ferienanlage auskommen, was starke Nerven erfordert.

Wir befinden uns derzeit auf einer Insel in Deutschland, um auszuspannen, die Seele baumeln zu lassen und am Strand Stöckchen zu werfen, die unsere Hündin nicht zurückbringt, was auch nicht schlimm ist, denn wären sie uns wichtig, hätten wir die Stöckchen wohl kaum weggeworfen. Kleiner Scherz. Ich verrate Ihnen aber hier gerne, dass ich schon als Kind gerne Sandburgen gebaut habe. Über Jahrzehnte habe ich sogar eine gewisse Professionalität beim Bau dieser kurzlebigen Monumente erlangt. Ich habe sämtliche Sandburgen, die ich als kleiner Junge oder später mit meinem Sohn gebaut habe, fotografiert und archiviert.

Vielleicht mache ich irgendwann, wenn es wieder möglich ist, ohne Abstand und Maske, einen Dia-Abend in der Volkshochschule, um Ihnen meine kleinen, vergänglichen Meisterwerke der Sandbaukunst zu zeigen. Darunter befinden sich der Eiffelturm, das leider durch Flugzeuge im September 2001 zerstörte World Trade Center, die Golden Gate Bridge, der Louvre, der schiefe Turm von Pisa, das Brandenburger Tor und viele andere berühmte Bauwerke. Die Nachbauten aus Sand entstanden auf der Insel Fehmarn und Sylt, aber auch an Stränden im befreundeten Ausland, also in den Niederlanden, Frankreich, Spanien und auf einigen griechischen Inseln. Indien habe ich allerdings nie besucht, obwohl der Sand dort, auf Grund seiner Beschaffenheit, für den Burgenbau besonders geeignet sein soll, wie mir ein Kollege berichtete. Mein Bruder war mal monatelang in Goa, kiffte am Strand herum, während ich eine kaufmännische Lehre absolvierte. Ich musste ihm dann viel Geld schicken, von dem meine Eltern aber nichts erfahren durften. Er wollte seinen Urlaub von vier Wochen auf vier Monate verlängern. Ich lieh mir dann, unter dem Vorwand, ein Freund von mir müsste für eine Abtreibung bezahlen, 1000 Mark bei meinen Eltern. Mein Bruder zahlte mir das Geld später zwar zurück, aber ich hatte trotzdem nie große Lust, Sandburgen in Indien zu bauen.

Gestern sprach mich ein älterer Herr, ungefähr mein Alter, am Strand an: „Das sieht aber toll aus. Bauen sie da etwa die Wuppertaler Schwebebahn nach?“ Der Mann war aus Süddeutschland, die Stadt habe ich vergessen. Er hatte vom Schicksal der Schwebebahn gelesen, und dass sie jetzt ein Jahr stillstehen muss. Manfred aus Süddeutschland half mir dann ein wenig, die Schwebebahn fertig zu bauen. Die Stützpfeiler und die vielen Verstrebungen aus Sand zu gestalten, ist äußerst schwierig - der Sand darf nicht zu nass oder zu trocken sein. Wir mussten uns auch beeilen, da die Flut drohte, das Werk bald zu zerstören. Zusammen schafften wir noch einen Waggon und die Haltestelle Völklinger Straße zu modellieren. Als ich das Werk mit meinem Smartphone noch schnell fotografieren wollte, flog ein Frisbee in unsere Schwebebahn aus Sand und zerstörte sie. Die beiden Mädchen kicherten etwas albern, entschuldigten sich aber, als sie sahen, wie traurig wir schauten. Irgendwie passte es zur Realität in der Heimat. Ich suche mir jetzt ein anderes Hobby.