Uwe Becker: Lieber Streichen als Straßenkarneval in Wuppertal

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Lieber Streichen als Straßenkarneval

WZ-Kolumnist Uwe Becker überlegt, ob er sich doch einmal am närrischen Treiben beteiligt - vielleicht als Bratwurst?

„Als was gehst Du denn an Karneval?“ Ich weiß nicht, wie oft ich diese Frage in meinem Leben schon gehört habe, allerdings weiß ich ganz genau, was ich jedes Mal geantwortet habe: „Das mache ich vom Wetter abhängig!“ Diese Antwort war selbstverständlich nie ernst gemeint, jedoch gab es immer Zeitgenossen, die mich beim Wort nahmen, und daher interessiert nachfragten, als was ich mich denn bei Regen verkleiden würde und als was bei Sonnenschein. Ich habe dann die Katze aber immer noch nicht ganz aus dem Sack gelassen, da ich meine endgültige Verkleidung auch von der Stärke des Regens oder der Intensität der Sonnenbestrahlung abhängig machen wollte. Irgendwann haben die meisten Leute dann bemerkt, dass ich sie im Grunde nur ein wenig veräppeln wollte, dann gaben sie meistens die weitere Befragung auf.

Passend dazu wurde mir kürzlich eine Geschichte zugetragen: Ein kleines Mädchen wollte als Indianerin zum Karnevalsumzug, weil es aber leicht regnete, entschied die Mutter, sie müsse einen Anorak mit Kapuze über ihrem Indianerkostüm tragen. Das kleine Mädchen weinte bitterlich und klagte: „Ein Indianer kennt doch keinen Schmerz, aber wenn es ein wenig regnet, dann soll er einen Anorak mit Kapuze tragen? Da wird mich doch jeder Cowboy auslachen, Mama!“ Mit solch strengen Kleiderverordnungen, auch wenn nasskalte Witterungsbedingungen vorliegen, kann man die Nachwuchsprobleme der Karnevalsvereine auf Dauer nicht lösen. Ich fand die Narrenzeit als Kind schon ziemlich langweilig. Mein drei Jahre älterer Bruder ging allerdings immer gerne zum Zug, was mich heute noch verwundert, aber ich denke, er wollte damals der Tristesse des Alltags in Heckinghausen entfliehen. Wir haben das in späteren Jahren nie richtig zu Ende analysiert.

Ich nutzte damals die Zeit, die mein Bruder auf dem Rosensonntagsszug verbrachte, um einmal ungestört, aber verbotenerweise, in der großen Sammlung seiner gelben Reclam-Hefte zu blättern. Ich gönnte mir dann Lessings „Nathan der Weise“, Kellers „Kleider machen Leute“, Schillers „Kabale und Liebe“ und Hebels „Maria Magdalena“. Begraben unter einem Meer von Staubwolken, fand ich unter seinem Bett zudem abgegriffene Playboy-Ausgaben, die mich aber eher abgestoßen haben.

Es gab natürlich auch Rosensonntage, da war mir nicht nach Lesen, da legte ich mich gemütlich mit einem leckeren Schokoladenriegel auf unser Sofa, und ließ mich von lustigen Zeichentrickfilmen oder Tierdokumentarfilmen unterhalten. Nur an diesem einen Sonntag im Jahr, am Rosensonntag, durfte ich die Regie beim Fernsehprogramm übernehmen, da ansonsten mein älterer Bruder dieses Privileg hatte. Es gab damals zwar nur zwei Fernsehsender, aber mein Bruder entschied sich grundsätzlich für das Programm, welches ich nicht unbedingt favorisiert hatte. Ob er dies aus böser Absicht tat, oder ob unsere Geschmäcker tatsächlich so unterschiedlich waren, kann ich nach so vielen Jahren leider nicht mehr genau sagen. Aber die Zeit heilt ja bekanntlich die meisten Wunden, diese Wunde gehört auf jeden Fall dazu.

Die Fürsprecher, die hinter diesem ganzen Karneval-Quatsch stehen, versichern mir oft, die Freude und die Ausgelassenheit, die sie bei Karnevalsumzügen- und Sitzungen erleben, wäre ihr Highlight des Jahres, und einmal im Jahr dürfe man ja wohl lustig und albern sein. Ich bin sehr gerne das ganze Jahr albern und ausgelassen, aber das muss jeder für sich entscheiden.

In diesem Jahr wird bei mir aber alles anders sein. Ich überlege ernsthaft, ob ich mich diesmal in den Straßenkarneval stürzen sollte. Aber als was soll ich an Rosensonntag gehen? Als Arzt? Biene Maja? Oberbürgermeister Mucke? Polizist? Brot? Scheich? Banane? Bratwurst? Da ist die Entscheidung nicht einfach. In einem Billig-Modehaus sah ich ein Affenkostüm, in das ich mich direkt ein wenig verguckt hatte, aber wenn man in Wuppertal aktuell als Affe geht, bekommt man bestimmt was auf die Fresse, oder? Vielleicht bleibe ich doch lieber schön zu Hause, höre Jazzmusik oder renoviere mal meinen Flur, der könnte ein bisschen frische Farbe gut gebrauchen. Aber wo soll ich so lange mit dem Pferd hin? Na ja, ich frage mal meine Nachbarin, ob ich es für eine Nacht in ihren Flur stellen darf. Wuppdika!

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