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Uwe Becker: Begrabt mein Herz in Wuppertal

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Das Herz führt den Federhalter

Uwe Becker hat mit einem Freund aus Nürnberg den Lichtermarkt besucht.

Meine letzte Mittwoch-Kolumne in diesem Jahr erscheint an einem Freitag. Bitte machen sie sich darüber aber keine Gedanken, es ist einfach so. Ich hoffe, in ihren vier Wänden blieb es über die Weihnachtstage friedlich und besinnlich, ohne die in vielen Familien fast schon traditionellen Streitigkeiten. Ich habe als Kind den Heiligabend oft dafür genutzt, meiner Mutter kurz vor der Bescherung schlimme Dinge zu beichten. Ich wollte mir manch Verbotenes, was ich getan hatte, einfach von der Seele reden. Ich wählte aber für meine Geständnisse immer diesen kurzen, feierlichen Moment vor der Bescherung, weil ich dann auf viel Verständnis seitens meiner Mutter hoffen durfte. So gestand ich ihr am 24. Dezember 1966, als Zwölfjähriger, den Genuss meiner ersten Zigarette. Hätte ich das irgendwann im Januar erzählt, wäre eine Ohrfeige für mich recht wahrscheinlich gewesen. Die meisten der Beichten waren aber harmlos, da ich ja kein wirklich böser Junge war.

Verschwiegen habe ich aber als 14-Jähriger, dass ich das Versteck der Pornohefte meines Vaters kannte, weil ich das tägliche Studium dieser lustbringenden Hefte natürlich nicht missen wollte. Ob Claas Relotius, der ehemalige Spiegel-Mitarbeiter, seinen Eltern früher auch an Heiligabend schwere Verfehlungen gebeichtet hat, glaube ich eher nicht. Die Meldung, dass der Kollege unwahre oder gefälschte Geschichten für das Hamburger Nachrichtenmagazin geschrieben haben soll, hat mich nicht unbedingt überrascht. Ich habe in meiner Zeit als Spiegel-Mitarbeiter, von 2006 bis 2016, annähernd 999 Foto-Witze an das Online-Portal des Magazins verkauft, in denen ich Politikern Sätze in ihre Sprechblasen textete, die sie natürlich nie gesagt hatten. Ich bin immer noch überrascht über die Gutgläubigkeit der Redaktion, da sich alle meine bebilderten Fakenews immer noch im Online-Archiv befinden. Journalisten sind natürlich der Wahrheit verpflichtet, und wenn man denen nicht mehr glauben kann, dann ist das gefährlich für unsere Demokratie.

Allerdings bin ich kein gelernter Journalist und mir daher auch keiner Schuld bewusst. Denken sie aber bitte jetzt nicht, meine Kolumnen wären auch frei erfunden. Natürlich habe ich hier und da mal etwas geschrieben, was vielleicht nicht ganz der Wahrheit entsprach, aber dies ist nur geschehen, weil ich mich nicht mehr an weit zurückliegende Sachverhalte erinnern konnte, oder wollte. Im Großen und Ganzen führt immer mein Herz den Federhalter in meinen Kolumnen.

Eine Anekdote werden sie mir wahrscheinlich nicht abnehmen, obwohl es wirklich genau so passiert ist: Vor einigen Tagen besuchte mich ein Freund aus Nürnberg, dem ich leider zunächst psychologischen Beistand geben musste, als er erfuhr, dass die Schwebebahn zurzeit stillsteht. Der Besuch des Elberfelder Lichtermarktes konnte meinen Freund aber ulkiger Weise darüber hinwegtrösten, dass die Schwebebahnfahrt ins Wasser fallen musste. Obgleich er ja in seiner fränkischen Heimat den wunderschönen und weltberühmten Christkindlesmarkt direkt vor seiner Haustüre hatte, fand er den Elberfelder Lichtermarkt, der von uns Einheimischen ja heftig kritisiert wurde, gar nicht so übel. Als ich ihn nach dem zehnten Glühwein fragte, was ihm denn an unserem Weihnachtsmarkt so gut gefiele, meinte er kurz und trocken: „Die eine Bude… die ausschließlich Handy-Hüllen verkauft, so etwas haben wir in Nürnberg nicht!“ Anschließend bog er sich so sehr vor Lachen, dass er hiervon fast zu Boden stürzte. Humor haben sie ja, die Franken.