Uwe Becker: Begrabt mein Herz in Wuppertal

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Inselwitze und Buchpreise

Uwe Becker auf der Frankfurter Buchmesse.

Der Besuch der Frankfurter Buchmesse ist für mich ein jährlicher Pflichttermin, den ich aber auch zu privaten Gesprächen mit Cartoonisten und Kollegen des Titanic-Magazins nutze - eine Art Familientreffen, bei dem oft etwas mehr getrunken als gelesen wird. In diesem Jahr fuhr ich zum ersten Mal nicht alleine dorthin. Ich begleitete meine Freundin, die als Illustratorin für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war und Termine mit Verlagen hatte. Ich war für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels nominiert, bekam aber kurz vor unserer Abreise eine Absage, da man mein Verhalten in den letzten Wochen nicht als friedlich bezeichnen könne. Ich fand es erstaunlich, dass die Jury über meinen Streit mit einer Metzgereiangestellten in Wuppertal informiert war, die beim Wiegen aller von mir gewünschten Wurstsorten permanent „Darf es ein bisschen mehr sein?“ fragte, und ich dann wohl etwas überreagiert hatte, indem ich ihr Habsucht vorwarf - Friedenspreis ade!

Zurück zur Buchmesse. Als wir am Hauptbahnhof ankamen, wurde uns mitgeteilt, dass der von uns ausgesuchte Bummelzug eine gute Stunde Verspätung hat. Da wir feste Züge gebucht hatten, war das natürlich ein Ärgernis. Aber die Bahn war total nett und ließ uns mit einem flotten ICE nach Frankfurt düsen. Ich möchte hier klarstellen, dass meine Freundin wirklich für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert war, aber die Behauptung, ich wäre für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels nominiert, natürlich nicht der Wahrheit entsprach.

Unsere Hotelzimmer kosten normalerweise für zwei Personen 80 Euro die Nacht. Während der Buchmesse aber 300 Euro. Am ersten Morgen hatten wir uns vorgenommen vom Frühstücksbuffet viel zu essen, damit der hohe Zimmerpreis am Ende gerechtfertigt ist. Die Idee verwarfen wir aber zeitig, als wir den im Keller liegenden Frühstücksraum betraten, da wir noch nie im Leben so ein schlechtes Hotelfrühstück gesehen hatten. Der Cappuccino wurde von einer alten Dame mit einem dieser Vollautomaten in der angrenzenden Küche zubereitet. Meine Freundin fragte mich, ob man wohl 50 Cappuccinos bestellen dürfte, und ob die gute Frau das mitmachen würde. Wir hätten den Test gerne gemacht, aber leider war das warme Getränk nicht lecker genug, um auch nur zwei Tassen davon mit Genuss trinken zu können. Außerdem hatten wir etwas Mitleid mit der armen Gastronomiehilfe, die sich wahrscheinlich als Rentnerin was dazu verdienen muss, und zu allem Überfluss auch noch ein dickes blaues Auge hatte.

Meine Freundin hatte mehrere Geschäftsessen mit Verantwortlichen renommierter Verlage. Zum Essen mit dem Insel-Verlag von Suhrkamp war ich natürlich nicht geladen, was für meine Freundin ein Segen war, denn wer mich kennt weiß, dass ich dem Verlagschef spätestens nach dem zweiten Glas Weißwein einen Insel-Witz nach dem anderen erzählt hätte. Ohne meine Anwesenheit waren ihre geschäftlichen Meetings sehr erfolgreich. Den Deutschen Jugendliteraturpreis hat meine Freundin leider nicht gewonnen.

Am Ende saßen wir todmüde in einem Ersatzzug, der uns mit erheblicher Verspätung nach Wuppertal fahren sollte. Über die Durchsage: „Leider ist der Lokführer noch nicht eingetroffen…“ konnte selbst ich nicht lachen. Wenig später bekamen wir einen frischen Lokomotivführer. Und meine Freundin eine E-Mail: „Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie den Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien gewonnen haben.“ Geht doch.

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