Uwe Becker: Begrabt mein Herz in Wuppertal

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Theaterträume

Uwe Becker über jugendfreie Marionetten.

Am heutigen Tag der Deutschen Einheit erinnere ich mich, auch weil es aktuell in unserem Land zahlreiche rassistische Übergriffe gibt, an eine mit meinem damals fünfjährigen Sohn besuchte Theatervorstellung im Johann Gregor Breuer-Saal an der Auer Schulstraße. Zur Aufführung kam „Das kleine Gespenst“ von Otfried Preußler, dargeboten vom Kasseler Figurentheater. Mehr als 200 Kinder warteten mit ihren Eltern gespannt auf die Vorführung.

Das kleine Gespenst, dass seit langer Zeit auf Burg Eulenstein hauste, war eines jener kleinen Nachtgespenster, die niemandem etwas zu Leide tun, außer man ärgert sie. Meinem Sohn und mir hat das Stück damals sehr gut gefallen. Wäre ich damals WZ-Kulturkritiker gewesen, hätte ich wohl folgende Zeilen für das Feuilleton verfasst: Die Holzfiguren waren fein aufeinander abgestimmt, und ein nicht minder gehaltvolles Bühnenbild entlockte den kleinen Zuschauern kultivierte Lustschreie, die sich zu einem gepflegten raumgreifenden Gesamtklang fügten. Über das feierliche, leicht tänzerische Gebaren des Uhus, das glaubensvoll Tröstende des kleinen Nachtgespenstes und den kämpferischen Trotz der anderen Eulen bis zum auf Gottvertrauen basierenden Energischen des Finales wirkte dieses Puppentheater wie aus einem Guss.

Nun, alles war wirklich schön, bis auf die Szene, wo das kleine Nachtgespenst entgegen der Warnung des Uhus unbedingt einmal tagsüber und bei Sonnenlicht herumspuken wollte, und, wie der Uhu prophezeite, vom Sonnenlicht pechschwarz wurde. Es erschrak darauf hin furchtbar und schrie auf: „Oh, ich bin ja schwarz, ich sehe schwarz aber gar nicht gut aus, findet ihr nicht auch, Kinder?“ „Ja, ja, ja, oh wie schrecklich!“, kreischten alle Fünf- bis Siebenjährigen im Chor. Nur ein kleiner, farbiger Junge aus dem Kindergarten meines Sohnes, der im Senegal geboren wurde, saß stumm und traurig auf seinem Stuhl und blickte schamvoll zu Boden.

Solch ein Theaterstück ist in meinem Augen bei der Integration von Kindern aus Afrika wenig hilfreich. Otfried Preußler hat es aber wahrscheinlich nicht böse gemeint. Ich glaube, 1966, als er das Stück schrieb, gab es in Deutschland noch nicht so viele Kinder mit dunkler Hautfarbe. Das Stück würde ich heute allerdings umschreiben. Warum sollte das kleine Nachtgespenst im grellen Sonnenlicht nicht blau, gelb oder grün werden, explodieren oder verglühen? Nun gut, ob die Kleinen das verstehen, weiß ich jetzt auch nicht, aber ich bin ja auch kein Kinderbuch-Autor.

Nach dieser Aufführung hatte ich damals einen nicht ganz jugendfreien Traum: Ich war ohne meinen Sohn bei einer Aufführung von Müllers Marionettentheater: Zu meiner Verwunderung wurden an der Kasse nicht nur Eintrittskarten, sondern auch Bier und Schnaps verkauft. Auf dem Spielplan stand „9 1/2 Wochen, ein erotisches Märchen für Erwachsene“. Die Szene, in der die Marionette Kim Basinger einen Striptease machen sollte, misslang grandios, weil die vielen Fäden an der Holzfigur verhinderten, dass die Bluse zu Boden gleiten konnte, stattdessen aber störend an der Holzhüfte herum hing. Die Marionette selbst war hübsch anzusehen. Im Gegensatz zur Holzpuppe, die Mickey Rourke verkörpern sollte, die fand ich völlig verschnitzt, wie man im Marionetten-Handwerk so sagt.

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