Bergische Universität: Urban Mining — nachhaltig bauen

Bergische Universität: Urban Mining — nachhaltig bauen

Der Lehrstuhl von Prof. Annette Hillebrandt erarbeitet einen Recycling-Atlas. Baustoffe müssen künftig wieder verwertet werden.

Wuppertal. Wenn Prof. Annette Hillebrandt vom Bau eines Gebäudes spricht, spricht sie immer auch von der Zukunft. Denn die wird sich für Bauherren nach Ansicht der Professorin des Lehrstuhls für Baukonstruktion, Entwurf und Materialkunde an der Bergischen Universität radikal verändern. Das macht sie vor allem an den Materialien fest, die verbaut werden. „Eine Immobilie stellt nicht automatisch einen Wert dar“, sagt Hillebrandt. „Wenn sie in 30 bis 40 Jahren ein Haus vererben, vererben sie entweder einen Haufen Müll oder Wertstoffe“, so die Architektin.

Als Beispiel für Müll nennt sie den Kunststoffschaum Polystyrol. Er wurde als Dämmmaterial in vielen Häusern verwendet. Dem brennbaren Kunststoff wurde das Flammschutzmittel HBCD (Hexabromcyclododecan) untergemischt. „Da hat man nicht von vorne gedacht und etwas nicht Brennbares genommen“, sagt Hillebrandt. Der Dämmschaum wurde 2016 als gefährlicher Abfall eingestuft, weil er laut Umweltbundesamt vier problematische Eigenschaften für die Umwelt hat, unter anderem ist er giftig und reichert sich in Lebewesen an. Die Folge: Niemand wollte den Dämmstoff mehr haben, die Entsorgungspreise stiegen um knapp das Zehnfache an.

Zurzeit bestimmen billige Zinsen den Markt, wer kann, baut jetzt. Die Folge: ein regelrechter Bauboom. Doch das wird nicht so weitergehen, ist sich Hillebrandt sicher. „Wir müssen weg von der Verschwendungsgesellschaft. Wir sind jetzt gerade am Peak.“ Erste Anzeichen eines Wandels sind nach Ansicht von Hillebrandt Phänomene wie Second-Hand, Upcycling oder Car-Sharing.

Im Bauwesen heißt dieser Trend Urban Mining. Es ist das Gebiet, an dem Hillebrandt und ihr Team, wie sie die Lehrstuhlmitarbeiter bezeichnet, arbeiten. Darunter versteht man, Bauwerke nachhaltig zu planen, so dass sie am Ende ihres Lebenszyklus von etwa 50 Jahren noch einen Wert im Sinne von Rohstoffen darstellen. „Wir sind ein rohstoffarmes Land“, begründet Hillebrandt ihren Appell für nachhaltiges Bauen. Zudem werden die Rohstoffe bei einer Bevölkerung von acht Milliarden Menschen knapp. Zugleich gehe es darum, Abfall zu vermeiden. „Die Mülldeponien sind voll und es sollen keine weiteren erschlossen werden“, sagt Hillebrandt.

Ein Ziel ist, bereits bestehende Baustoffe zu recyceln. „Das ist bislang nur bei Metallen möglich. Sie haben nach dem Recycling dieselbe Qualitätsebene“, sagt Hillebrandt. Meist handele es sich um Downcycling, wie bei Beton. Von diesem Material kann man nur etwa 50 Prozent wieder zu Beton machen. Der Rest landet zum Beispiel als Schotter auf Verkehrswegen und im Müll.

Eine Alternative im Bauwesen sind sogenannte „Closed-Loop-Materialien“, also Materialien, wie Metalle und nachwachsende Rohstoffe wie Holz, die man aus der Natur entnimmt. Dabei müsse aber sichergestellt sein, dass es sich um nachhaltig produziertes Holz handelt. „Holz und Stahl können zum großen Teil Beton ersetzen“, sagt Hillebrandt. Häufig gebe es aber Bedenken wegen des Brandschutzes. „Deshalb bauen alle so gerne mit mineralischen Baustoffen, sie sind nicht brennbar - und so günstig“, so Hillebrandt. Aber das werde sich ändern, ist sich die Architektin sicher. Bei der Berechnung für die Kosten eines Hauses müssten deshalb die Entsorgungskosten berücksichtigt werden.

Zukünftige Gebäude sollten als „Rohstoffzwischenlager“ geplant werden. Dabei ist die Wahl der Materialien entscheidend. Anstatt eines Laminatbodens muss ein Boden aus Stein oder Dielen nicht ausgetauscht werden und kann am Ende sogar noch einen Wert darstellen, also weiterverkauft werden. Auch die Umnutzung eines Gebäudes sollte beim Bau berücksichtigt werden. Hillebrandt schlägt vor, Rohbauten so zu konzipieren, dass sie mit kleinen Umbaumaßnahmen sowohl als Büro als auch als Wohnhaus genutzt werden können. Dabei müsste zum Beispiel in den Decken Platz für Kabelschächte und Lüftungsanlagen gelassen werden. Bei Sanierungen sollte das Tragwerk eines Gebäudes möglichst erhalten und genutzt werden, weil hier die größte Masse des Bauwerks steckt.

Was sich noch wie eine Utopie anhört, wird laut Prof. Annette Hillebrandt in naher Zukunft unsere Realität sein. Deshalb will sie junge Architekten fit machen für die Zeit nach dem Erdöl, in der Ressourcen unendlich zur Verfügung zu stehen schienen. Im Herbst soll dazu ein Buch des Lehrstuhls mit dem Titel „Recycling Atlas“ erscheinen. Weitere Infos:

urban-mining-design.de

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