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Unital: Philosophieren über Teilchenphysik

Unital: Philosophieren über Teilchenphysik

Prof. Gregor Schiemann referiert über die Begrenzungen der Teilchenphysik.

Wuppertal. „Was kann die Teilchenphysik über die Natur sagen? Eine Perspektive der Philosophie.“ Das ist das Thema des nächsten Vortrags im Rahmen der Reihe Uni-Tal am 23. November. Hintergrund ist die Arbeit der internationalen Forschergruppe unter Leitung der Bergischen Universität, die sich mit dem Teilchenbeschleuniger am Europäischen Zentrum für Teilchenphysik Cern in Genf beschäftigt.

Die Physiker in der Großforschungseinrichtung Cern hoffen auf neue Erkenntnisse zum Aufbau der Materie, indem sie winzige Teilchen aufeinanderprallen lassen. Die interdisziplinäre Forschergruppe untersucht philosophische, historische und soziologische Aspekte dieser Forschung. Dabei geht es um Auswirkungen, die die dort gewonnenen Erkenntnisse haben.

Welche Rolle spielen Simulationen? Welche Rolle spielen konkurrierende Erklärungsmodelle? „Das sind Fragen, mit denen wir uns beschäftigen“, sagt Gregor Schiemann, Professor für Geschichte und Theorie der Wissenschaften an der Bergischen Universität und Sprecher der Forschergruppe. Sein Vortrag wecke die Erwartung, dass ein Teilchenphysiker über seine Disziplin spricht. „Es ist aber ein philosophischer Vortrag“, betont Schiemann. Über die Natur zu sprechen, gehöre zur Disziplin der Philosophie. In der Physik spiele der Begriff Natur keine Rolle.

Was kann die Teilchenphysik dann überhaupt über die Natur sagen? „Sie kann uns sagen, woraus alle beobachtbare Materie im Universum zusammengesetzt ist“, sagt Schiemann. Seit etwa 20 Jahren wisse man aber, dass die beobachtbare Materie nur etwa fünf Prozent der gesamten Energiedichte des Universums ausmacht. Im Umkehrschluss kann die Teilchenphysik die restlichen 95 Prozent nicht erklären.

„Physiker wollen Natur nachweisen, aber mit technischen Mitteln“, sagt Schiemann. Künstliche Experimente wie im Cern seien die einzige Möglichkeit, Natur nachzuweisen. Allerdings können Phänomene, die wir sehen, nicht aus der Teilchenphysik abgeleitet werden. „Man kann noch nicht mal den Gefrierpunkt des Wassers erklären“, sagt Schiemann. Dafür brauche man Chemie und Biologie. Sein Fazit lautet deshalb: „Die Erkenntnisse der Teilchenphysik sind auf einen bestimmten Bereich begrenzt“, so Schiemann. Um Natur als Ganzes zu beschreiben, muss man andere Disziplinen hinzunehmen.

Das Wissen der Teilchenphysik ist für das allgemeine Naturverständnis aber wichtig. „Es dient der Horizonterweiterung, weil man Wissen über die Differenz in den Gesetzmäßigkeiten der ganz kleinen und der mittleren Dimensionen erhält“, sagt Schiemann. Außerdem erweitere die Teilchenphysik das Wissen über die Entstehung, Entwicklung und Struktur des Universums und ist notwendig für das Verständnis technischer Anwendungen.

Uni-Tal ist eine Vortragsreihe von Professoren der Bergischen Universität für Wuppertal, veranstaltet von den Freunden und Alumni der Bergischen Universität (Fabu) und der Westdeutschen Zeitung. Die Veranstaltung findet am Donnerstag, 23. November, um 19.30 Uhr in der Citykirche in Elberfeld statt.

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