Campus Wuppertal Uni Wuppertal: Wie französischer Hip-Hop gesellschaftlichen Wandel sichtbar macht

Wuppertal · Marie Cravageot und Beatrice Schuchardt aus der Romanistik kennen die Rolle des Musikgenres.

 Marie Cravageot (l.) und Beatrice Schuchardt kennen sich mit dme französischen Hip-Hop aus.

Marie Cravageot (l.) und Beatrice Schuchardt kennen sich mit dme französischen Hip-Hop aus.

Foto: UniService Transfer

Anfang Juni veranstaltete der Fachbereich Romanistik den ersten Hip-Hop-Kongress an der Bergischen Universität. Beatrice Schuchardt und Marie Cravageot aus dem Fachbereich sprechen über die Bedeutung des Hip-Hop.

Worum ging es bei dem Kongress?

Beatrice Schuchardt: Im Fokus stand ein Thema, das gegenwärtige Gesellschaften bewegt: Es geht um Wandel; Klimawandel, Wandel durch neue Technologien, veränderte Stadtarchitekturen, Veränderungen durch globale Migrationsbewegungen und um veränderte Geschlechterbilder. Uns ging es um die Frage, wie diese Transformationsprozesse durch eine Musikgattung erzählt, vertont und befeuert wird, die sich global großer Beliebtheit erfreut: Der französischsprachige Hip-Hop. Dieser bildet weltweit den zweitgrößten Markt für Hip-Hop nach den USA.

Der Hip-Hop, sagen Sie als Veranstalter, signalisiere den gesellschaftlichen Wandel. Wodurch?

Schuchardt: Das geschieht auf mehreren Ebenen: Thematisch, textlich, musikalisch und durch eine im Wandel befindliche Szene von Hip-Hop-Künstlern, die sich zum Beispiel auf Gender-Ebene genauso diversifiziert hat, wie es auch in gegenwärtigen Gesellschaften der Fall ist. Kulturell divers war Hip-Hop immer schon. Ein Thema, das in allen vier Elementen der Hip-Hop-Kultur (Rap, DJing, Graffiti, Breakdance) immer wieder neu verhandelt wird, ist daher Kultur in Bewegung, etwa durch Migration oder neue Lebensräume, die durch Umweltschäden erschlossen werden müssen.

Seit wann gibt es diese Stilrichtung schon?

Marie Cravageot: Der französische Rap hat seine Wurzeln in der Hip-Hop-Kultur der South-Bronx in New York in den frühen 1970er-Jahren. Davon inspiriert, entwickelten sich in Frankreich in den Arbeitervierteln von Großstädten wie Paris, Lyon und Marseille Breakdance und Graffiti. Der Rap wurde auf natürliche Weise in diese aufstrebende städtische Kultur integriert. Anfang der 1980er-Jahre brachten Dee Nasty und DJ Kool Herc die neue Form des musikalischen Ausdrucks nach Frankreich. Sie organisierten die ersten Hip-Hop-Partys und brachten die Grundlagen des DJing und Scratching mit. Der erste kommerzielle Erfolg des Rap erfolgte 1984 mit der emblematischen Gruppe IAM, die mit „Planète Mars“ einen bedeutenden Hit landete. Die 1990er-Jahre sind das goldene Zeitalter des französischen Rap. Diese Zeit war von einer beispiellosen künstlerischen Blüte und Kreativität geprägt. Über die Musik hinaus erweist sich der französische Rap als ein Mittel des sozialen Engagements und der Anprangerung von Ungerechtigkeiten. Im Laufe der 2000er-Jahre hat der französische Rap seinen Stil mit dem Aufkommen von Strömungen wie Conscious Rap, Hardcore Rap, Alternative Rap und Commercial Rap diversifiziert.

Wie übersetzt der Hip-Hop diese gesellschaftlichen Veränderungen?

Schuchardt: Das passiert auf mehreren Ebenen. Einmal sprachlich, denn, frankophone Rap-Texte sind Orte, wo Wortneuschöpfungen entstehen, aber auch Orte, die solche Neologismen verbreiten. Die französische Jugendsprache, „le verlan“ mit seinen schnellen Veränderungen und Silbenverdrehungen, ist eine Quelle für diesen sprachlichen Wandel. Auch klanglich wird Veränderung thematisiert und initiiert, zum Beispiel durch neue Sounds. Ab 2010 finden wir im Hip-Hop plötzlich auch klassische Instrumente wie die Oboe, die zuvor verpönt war. Das Ganze ist stets verbunden mit dem Ruf nach Veränderung. In puncto veränderte Geschlechterbilder zeigt Hip-Hop eine Diversifizierung an, wie sie inzwischen auch gesellschaftlich sichtbar ist.

Welche Rolle spielen Codes, Slangs und andere Sprachen in der Umsetzung dieses Musikstils?

Cravageot: Hip-Hop, insbesondere Rap, ist ein eminent urbanes Medium, das die Sprache der Jugend vermittelt. Wie keine andere Musik sind die Texte im Herzen des modernen mündlichen Sprachgebrauchs verwurzelt. Anglizismen, Abkürzungen, Importe aus anderen Ländern, neue Formen des Slangs, Abwandlungen aller Art. Rap macht Ausdrücke populär, die ursprünglich oft sehr lokal geprägt waren. Wenn die Zahl der Aufrufe eines Songs in die Höhe schnellt, werden die Codes, Wörter und Referenzen eines Viertels, einer Gruppe oder eines einfachen Freundeskreises dem Rest der Welt zugänglich gemacht.

Was hat der Hip-Hop mit dem Klimawandel zu tun?

Schuchardt: Seit seinen Anfängen in den 1980ern übt französischsprachiger Hip-Hop Kritik an gesellschaftlichen Missständen, an sozialer Ungleichheit, Rassismus oder struktureller Gewalt. Zu dieser im Hip-Hop üblichen Gesellschaftskritik zählt die Benennung von Umweltschäden, der Aufruf zu einem bewussteren und verantwortungsvolleren Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten, die sich ab Ende der 1980er im Rap bemerkbar macht. Im Rap geht es mit dem Aufruf, den Planeten zu retten, im Wesentlichen um Zukunftschancen, die die junge Generation für sich einfordert. Das geht im Rap einher mit der Kritik an politischen Entscheidungen und an Wirtschaftssystemen. Waren es um 1989 bei Assassin noch das Ozonloch, die Abholzung der Regenwälder und nukleare Tests, die im französischen Rap kritisiert wurden, widmen sich Künstlerinnen und Künstler wie Orelsan heute vor allem dem Klimawandel als buchstäblich brennender Thematik. Dabei geht es auch um die Kritik an Konsumkulturen. Konsum als Statussymbol ist übrigens auch in der Hip-Hop-Szene weitverbreitet: Große Autos mit hohem Benzinverbrauch und ein hoher Verschleiß an Kleidung gelten als Zeichen, dass man es geschafft hat. In Tracks, die genau das kritisieren, fasst sich der Hip-Hop gewissermaßen auch selbst an die Nase.