Uni: Habermas lockt hunderte Zuhörer an

Uni: Habermas lockt hunderte Zuhörer an

Drei Tage lang debattierten Wissenschaftler mit dem Publikum.

Grifflenberg. Sich an diesem wirklich traumhaften Frühlingswochenende in einen klimatisierten, schattigen Hörsaal quetschen und einer theoretischen Tagung mit dem Thema „Habermas und der historische Materialismus“ lauschen? Diese Frage beantworteten in Wuppertal einige hundert Interessierte mit Ja. Denn offenbar machte nicht nur das gesellschaftspolitisch-kritische Programm, sondern auch die Anwesenheit des Philosophen Jürgen Habermas die Tagung auf dem Campus Grifflenberg attraktiv.

Nicht weniger als Auswege aus der gegenwärtigen kapitalistischen Systemkrise hatten sich die Organisatoren der Tagung um den Wuppertaler Philosophie-Professor Professor Smail Rapic als Ziel gesetzt. Die Hauptperson, der weltbekannte Philosoph Jürgen Habermas, begegnete diesen hochgesteckten Ambitionen eher mit Selbstironie: „Dies hier ist eine Art Beiwohnung — ich wohne meiner eigenen Historisierung bei“, scherzte Habermas zur Erheiterung des Auditoriums.

Dabei wurde während der drei Veranstaltungs-Tage auf dem Grifflenberg nicht nur ehrerbietig mit dem Werk des Philosophie-Nestors umgegangen. Agnes Heller, die ungarische Philosophin und langjährige Habermas-Bekannte, setzte sich kritisch mit dessen Lehre auseinander und hielt Freiheit, Empathie und Leben als Grundbegriffe ihrer Philosophie hoch. Das brachte ihr Sympathie des Publikums ein — und Habermas selbst blieb nur, bei der anschließenden Diskussion einen Dissens der beiden Wissenschaftler zu konstatieren.

Grundsätzlich wurde es noch einmal zum Ende der Tagung hin, als Rapic die Frage nach dem „dritten Weg“, einem Mittelweg zwischen Kapitalismus und Kommunismus, stellte. Habermas lobte hier Rapics „Blick für die Dinge, die man voranbringen sollte“. Gleichzeitig relativierte er zugleich mit dem Hinweis auf die Komplexität des globalen Wirtschaftsgewebes: Es sei ein Fortschritt, eine „wissenschaftliche Front“ zum Thema gefunden zu haben, aber für ihn selbstverständlich, den Kapitalismus aus dem Kapitalismus heraus zu kritisieren. Es wurde deutlich: Für Systemwechsel ist Habermas’ Denken nicht zu vereinnahmen.

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