Überleben nach der Bombardierung

Überleben nach der Bombardierung

Annelore Frey erinnerte sich an den Luftangriff auf Oberbarmen 1944. Sie wurde schwer verletzt, ihre Mutter kam ums Leben.

Wuppertal. „Dieser Tag hat mein ganzes Leben verändert.“ Annelore Frey (86) erinnert sich noch gut an den 11. November 1944 — als 17-Jährige wurde sie bei der Bombardierung des Beckacker in Oberbarmen schwer verletzt. Ihre Mutter starb kurz darauf an den Folgen ihrer Verletzung. Der 70. Jahrestag der Bombardierung in diesem Jahr ruft der alten Dame alles in Erinnerung. Sie hieß damals noch Annelore Westerberg, machte eine kaufmännische Lehre bei einer Firma an der Beckackerbrücke. Ihr Büro lag in einer Holzbaracke neben dem Produktionsgebäude.

Foto: privat

Genau um 11.11 Uhr hörte sie die Bomber heranfliegen. Es blieb keine Zeit, einen Schutzbunker aufzusuchen. Annelore Frey kroch unter ihren Schreibtisch, doch das half nichts. „Ich hörte nur einen Knall“, erinnert sie sich. „Ich habe heute noch das Gefühl, dass ich die Bomben auf mich runterrauschen höre.“

Ein Bombe traf genau die Baracke, sie flog durch die Luft, wurde eingeklemmt. Kollegen befreiten sie. Ein Lkw brachte sie und andere Verletzte ins Krankenhaus, die heutigen Helioskliniken. In riesigen Sälen lagen die Verletzten nebeneinander. Die Ärzte behandelten sie nach Dringlichkeit. „Ich habe geklagt, damit ich drankam“, erzählt Annelore Frey. „Ich hatte Angst, innere Verletzung zu haben.“

Die hatte sie zum Glück nicht. Aber ihr Oberschenkel war gebrochen. Und im Gesicht hatte sie zahlreiche Wunden, die zum Teil genäht werden mussten. „Man hat mich gar nicht erkannt.“ Verwandte und Freunde, die sie besuchten, seien erst an ihr vorbeigegangen.

Erst am nächsten Tag erfuhr sie, dass auch ihre Mutter getroffen worden war. In ihr Wohnhaus an der Wittener Straße 16 war eine Luftmine bis in den Keller durchgeschlagen. Ihre Mutter wurde auf dem Weg zum Keller zwischen Öfen und Waschmaschinen des dortigen Haushaltswarengeschäfts eingeklemmt. Das Geschäft gehörte der Familie Drees, deren Sohn Kurt später Bürgermeister wurde. Auch seine Mutter starb bei dem Angriff.

Der schwer verletzten Mutter von Annelore Frey musste ein Bein amputiert werden, auch das andere Bein war verletzt. Die Wunden entzündeten sich, die 42-Jährige starb am 1. Januar 1945. Für Annelore Frey besonders belastend: Eine Freundin hatte die Mutter morgens gefragt, ob sie mit in den Bunker komme. Doch sie wollte Mittagessen für die Tochter kochen.

Nur zwei Mal konnte sie die schwer kranke Mutter im Krankenhaus sehen, die da schon verwirrt, dann nicht mehr bei Bewusstsein war. Der Vater, seit 1939 als Soldat an der Front, besuchte Frau und Tochter einmal, musste aber bald wieder zurück.

Annelore Frey musste nach der Operation wochenlang Gips ab der Hüfte tragen. „Das juckte alles ganz schrecklich“, erinnert sie sich. Bis Mai 1945 blieb sie im Krankenhaus, erlebte noch einige Bombenalarme, dann das Kriegsende: Auf Krücken lief sie auf die Straße. Auch die Nachkriegszeit war schwer. Am schlimmsten aber war für sie der Bombenangriff am 11. November. „Noch heute zucke ich, wenn es knallt“, sagt die alte Dame. „Das sitzt drin.“ Ihr Wunsch: „Hoffentlich müssen wir, unsere Kinder und Enkel das nicht mehr erleben.“