Türkisch hilft beim Französischlernen

Türkisch hilft beim Französischlernen

Eine Forschergruppe will Lehrmaterial entwickeln, das Wissen aus anderen Sprachen nutzt.

Wie können Schüler, die mehrsprachig aufwachsen, ihre Sprachkenntnisse nutzen, um weitere Sprachen zu lernen? Das ist eine Frage, mit der sich eine Forschergruppe der Bergischen Universität Wuppertal und der Universität Duisburg-Essen beschäftigen. „Alle Sprachkenntnisse, die ein Kind hat, sollen genutzt werden, wenn die Kinder in der 7. Klasse mit Französisch beginnen“, sagt Prof. Dr. phil. Lars Schmelter. Er lehrt Fremdsprachendidaktik an der Bergischen Universität. Die meisten können Deutsch und Englisch, in vielen Fällen kommt aber eine weitere Sprache dazu. „Wir wollen, dass es eine Wertschätzung auch für die jeweilige Muttersprache gibt“, sagt Schmelter.

Die Untersuchung mit dem sperrigen Titel „Faktoren multiplen Sprachen- und interkulturellen Lernens — Eine quasiexperimentelle Studie zur Mehrsprachigkeitsorientierung im Französischunterricht“ soll im kommenden Schuljahr 2018/2019 beginnen. Dafür hat die Projektgruppe drei Sprachen ausgewählt, von denen es in Deutschland die größte Anzahl von Schülern gibt: türkisch, polnisch und russisch. Diese Sprachen haben im Bereich Mode, Landwirtschaft oder Militär viele Wörter aus anderen Sprachen übernommen. Im Türkischen finden sich knapp 5000 Wörter, die aus dem Englischen und Französischen entliehen wurden.

Als Beispiel nennt Schmelter Wörter aus dem Französischen, die in die türkische Sprache gewandert sind, sich aber in der Schreibung verwandeln, wie zum Beispiel das französische Wort „pantalon“ für Hose, das auch auf Türkisch „pantalon“ heißt. „Train“ für Zug wird im türkischen zu „tren“. Auch der französische Rechtsanwalt „avocat“ unterscheidet sich kaum vom türkischen „avukat“. Wer sich die Haare schneiden lassen will, geht in Frankreich zum „coiffeur“, in der Türkei muss er einen „kuaför“ aufsuchen.

„Wenn man dann gelernt hat, wie das funktioniert, kann man zum Beispiel mit Türkisch-Kenntnissen viel mehr in unbekannten französischen Texten verstehen als man es für möglich gehalten hätte“, sagt Schmelter und verweist auf einen ähnlichen Effekt zwischen dem Deutschen und dem Niederländischen. Lehnwörter aus der englischen Sprache kommen in allen Sprachen am häufigsten vor. Aus Vorstudien wisse die Projektgruppe, dass die Motivation der Schüler steige. „Die Schüler merkten, dass sie viel mehr können als sie gedacht haben“, sagt Schmelter.

Die Forderung, die Sprache mit einzubeziehen, die die Schüler mitbringen, ist relativ alt. „Die Lehrer haben aber keine Materialien, um das umzusetzen“, sagt Schmelter. Sie orientierten sich stark daran, was das Lehrbuch vorgebe. Das Ziel der Forschung sei, praktische Hilfen zu entwickeln, um den Unterricht zu gestalten und interkulturelles Lernen zu fördern. Im ersten Schulhalbjahr fand unter anderem am Gymnasium Vohwinkel eine Voruntersuchung statt, um zu schauen, ob das entwickelte Training funktioniert.

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