Tony Sheridan: Die Barmer Jahre des Beatles-Entdeckers

Tony Sheridan: Die Barmer Jahre des Beatles-Entdeckers

Was den am Samstag verstorbenen Musikpionier mit Wuppertal verbindet.

Wuppertal. Die einen feiern ihn als Entdecker und Förderer der Beatles — für die anderen ist Tony Sheridan einer von vielen Rock-’n’-Roll-Stars, die nach wenigen spektakulären Hits in der Anonymität verschwanden. Eines steht jedoch ohne Zweifel fest: Wer die Entwicklung des Rock, wer dessen Wurzeln und die Namen seiner Innovatoren gewissenhaft durchleuchtet, der kommt an Tony Sheridan, der jetzt nach langer Krankheit 72-jährig in Hamburg verstarb, nicht vorbei.

Anthony Esmond Sheridan McGinnity, so sein vollständiger Name, 1940 im englischen Norwich, geboren, wollte von frühester Jugend an immer nur Musik machen, seine Musik. Mit seiner fünften Frau, einer jungen Kunst- und Germanistikstudentin, die der Sänger und Komponist in Recklinghausen kennen lernte, zog er 1986 in eine Wohnung an der Straße Am Unterbarmer Friedhof. Dort lebten die beiden bis 1989, dann zog es sie nach Norddeutschland — in die Nähe von Hamburg, also dorthin, wo Tony Sheridan seine größten Erfolge feierte: im „Top Ten“, im legendären „Starclub“ oder später in „Onkel Pös Carnegie Hall.“

„Im ,Top Ten‘, so erzählte er 1986 der WZ, „habe ich John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und deren damaligen Schlagzeuger Pete Best (wurde später durch Ringo Starr ersetzt) kennen- und schätzen gelernt. Die nannten sich Beat Brothers“. Als Produzent und Orchesterchef Bert Kaempfert Sheridan 1960 für die Aufnahme einer LP verpflichtet habe, habe dieser „die vier Liverpooler Boys“ als Begleitband mitgenommen. Die daraus ausgekoppelten Single „My Bonnie Lies Over The Ocean“ wurde ein Welthit.

„Polydor verkaufte innerhalb einer Woche 20.000 Platten“, erinnerte sich Tony Sheridan stolz. Weitere Plattenaufnahmen folgten, auf Geheiß von Produzent Kaempfert meist Madison, Twist und Slop sowie Schnulzen mit deutschem Text im Stil der frühen 60er Jahre. Sheridan war talentiert und sensibel, ehrgeizig, intelligent und sehr eigenwillig. „Bei Bert Kaempfert durfte ich meine eigenen musikalischen Ideen leider nicht umsetzen.“ Es reichte nur noch zu einem wirklichen Superhit: „Skinny Minnie“.

Erst 1964 traf Sheridan die inzwischen zu Superstars aufgestiegenen Beatles wieder, im Flugzeug bei einer Australien-Tournee. „Später habe ich Paul auf seinem Anwesen bei London besucht. Ich musste über eine Mauer klettern — die Zugangstore waren von Fans umlagert. Nein, ein solches Leben wollte ich nicht führen.“

Die Freundschaft zu den „Fab Four“ aber blieb bestehen, während ihr rastloser Entdecker, vom Showbiz wieder einmal bedient, zum Beispiel für 15 Monate als Truppenbetreuer nach Vietnam ging. „Ein tiefer Einschnitt in meinem Leben.“

Ein Schallplattenprojekt mit James Burton, Glen D. Hardin und Klaus Voorman platzte, weil der Produzent pleite machte. Ab 1982 betätigte sich der Musiker als Bhagwan-Schüler, so auch in seiner Wuppertaler Zeit. Da war er auch wieder im Fernsehen zu sehen. Mit neuen Songs und mit den alten Hits. Die großen Tage dieses Rast- und Ruhelosen waren damals allerdings bereits vorüber.

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