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Tim Snider spielt vituos in der Viertelbar

Konzert in der Viertelbar : Geige trifft auf Loop-Station

Multiinstrumentalist Tim Snider spielte virtuos in der Viertelbar.

Erste gestrichene Töne erklingen, dann gezupfte. Tim Snider tippt mit seinen nackten Zehen auf die Loop-Station am Boden und beginnt eine neue Melodie, der Bogen wirbelt über die Saiten der futuristischen elektrischen Violine. Nach und nach entsteht ein vielschichtiger Klangteppich, der den ganzen Raum erfüllt. Dann legt Snider in einer fließenden Bewegung die Geige zur Seite und greift zur Gitarre, legt über die Geigenstimmen erst einzelne Akkorde, dann eine weitere Melodie. Trommelt auf dem Resonanzkörper. Schließlich beginnt er zu singen: I can feel it crashing down. „Hurricane“ heißt dieser erste Song. Und das hört man. Am Mittwochabend war Snider zu Gast bei der Konzertreihe Hut&Gut in der Viertelbar.

Der vielseitig talentierte Musiker spielt immer erst eine Grundmelodie oder einen -rhythmus ein und lässt sie loopen (wiederholen), während er die Geschichten zu den folgenden Songs erzählt. Sie handeln vom Reisen, vom Barfußlaufen und immer wieder von der Natur, die in ihren Dimensionen manchmal einschüchternd wirken kann – auf eine gute Art. Schon die ersten andauernden Klänge erwecken Bilder zu seinen Erzählungen. Gekonnt reguliert Snider die Effekte, die seine Instrumente mal sphärisch verzerrt und mal ganz natürlich erklingen lassen. Viele seiner Lieder münden in virtuose Geigensoli, die er mit dem ganzen Körper zu spielen und zu spüren scheint: Er tanzt und biegt sich auf der kleinen Bühne neben der alten Stehlampe, die traditionell im Anschluss an die Konzerte von den Künstlern unterschrieben wird. Immer wieder muss er lachend sich lösende Haare von seinem in Mitleidenschaft gezogenen Bogen zupfen.

Mit dreieinhalb Jahren sah Snider eine Geige in der Sesamstraße und ließ seiner Mutter daraufhin keine Ruhe, bis er endlich Unterricht nehmen durfte. Mit fünf Jahren hatte er seinen ersten Auftritt – und rannte weinend von der Bühne. Fast 30 Jahre habe er gebraucht, um seine Bühnenangst zu überwinden, gibt der Musiker zwischen zwei Songs zu. Als Violinist des US-Musikerkollektivs Nahko and Medicine for the People hat Snider schon auf der ganzen Welt vor mehreren Tausend Zuschauern gespielt. Es sei jedoch eine ganz besondere Erfahrung, eine so intime Show vor so aufmerksamen Zuhörern zu spielen, verrät er nach dem Konzert. Vor allem mit Songs, die man noch nicht so häufig gespielt habe: Erst vor wenigen Wochen erschien seine EP „Vol. 1 – Humanity“. Es ist das erste Mal, dass Snider seine eigene Musik vor deutschem Publikum präsentiert. Und das ist sichtlich begeistert: Auf jedes Lied folgen andauernder Beifall und Jubelrufe. Noch bis Anfang Februar ist er in Deutschland, Dänemark, Österreich und der Schweiz unterwegs, bevor er nach Kalifornien zurückkehrt – zu seiner Frau, der er seine Zugabe widmet, und seiner neun Monate alten Tochter.

Bei der Konzertreihe Hut&Gut bestimmen die Zuschauer den Eintrittspreis selbst. Mit Bad Temper Joe aus Bielefeld (22. Januar), Haley Johnsen aus den USA (5. Februar) und Mark Peters aus London (19. Februar) sind in den kommenden Wochen weitere Singer-Songwriter-Talente verschiedenster musikalischer Couleur zu Gast in der Viertelbar.