Begrabt mein Herz in Wuppertal: Til Schweiger als Joker in Wuppertal

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Til Schweiger als Joker in Wuppertal

Uwe Becker über seine Film-Leidenschaft.

Sonntag. Regen. Heizung an. Normale Menschen liegen auf dem Sofa, der Fernseher läuft und sie essen Pizza. Aufgrund meiner Diabetes 2 kommt mir keine Pizza ins Haus, Bett oder aufs Sofa. Ich knabbere lieber eine Möhre, Kohlrabi oder lutsche eine Ingwer weich. Dazu trinke ich sehr grünen Tee. Andere treiben es an solchen Tagen etwas aufwendiger, sie gehen in ein Lichtspielhaus, kaufen sich zwei Pappeimer, einen gefüllt mit Popcorn, den anderen randvoll mit schwarzem Zuckerwasser und schauen eine gute Stunde Werbung, um sich danach auch noch einen Blockbuster zu gönnen.

Okay, während ich hier versuche, eine Kolumne zu schreiben, schaut sich ein Freund von mir ganz entspannt „Joker“ im Kino an. Der gute Junge hatte für diesen wunderbaren und extrem verregneten Sonntagnachmittag sogar ein weiteres Angebot, um sich den frühen Abend zu verzaubern: TSG Hoffenheim gegen Schalke 04 im Pay-TV. Ich dagegen, ein Kolumnist, der wie viele in diesem Metier von der Hand in den Mund lebt, suche bis dato noch vergeblich nach einem coolen Thema für meine Kolumne. Wenn ich mich richtig konzentriere, kommt mir bestimmt noch eine zündende Idee, aus der ich eine schöne Kolumne gestalten könnte. Wir sind ja hier schließlich in Wuppertal, da ist doch immer was los.

Bei meiner Recherche hierfür bin ich übrigens auf einen Artikel gestoßen, der sich mit einer unangenehmen Begleiterscheinung von Todd Phillips’ Comic-Adaption „Joker“ beschäftigt: die südliche Bronx zieht normalerweise keine Touristen an, aber seit „Joker“-Darsteller Joaquin Phoenix auf den internationalen Kinoleinwänden die lange Treppe zwischen Shakespeare Avenue und Anderson Avenue herunter tanzt, kommen täglich Filmfans und Instagrammer dorthin, um die Szene nachzustellen. Viele Anwohner reagieren bereits genervt auf die unzähligen Smartphone-Poser.

Ich stelle mir gerade farbenprächtig vor, wie eine deutsche Version über den Bösewicht in Wuppertal verfilmt wird. Immerhin beschreibt Tom Tykwer seine Heimatstadt wegen der zahlreichen Berge und Brücken als deutsches Äquivalent zu San Franzisko und vergleicht die Schwebebahn mit der Hochbahn in Brooklyn. In unserer Stadt wurden ja kürzlich erst sehr viele Hotels eröffnet, die den Zuwachs an Touristen gut gebrauchen könnten. Täglich würden die angereisten Cineasten zum „Tippen-Tappen-Tönchen“ pilgern - der bekanntesten Treppe Wuppertals, weil dort Til Schweiger als „Joker“-Darsteller beim Versuch, die Stufen hinunter zu tanzen, böse auf die Fresse geflogen ist.

Meine Leidenschaft für bewegte Bilder erreichte Ende der 1970er-Jahre ihren Höhepunkt. Mein Bruder, gerade frisch bei der Aufnahmeprüfung zur Film- und Fernsehhochschule in München durchgefallen, wollte aus Verärgerung über die Entscheidung des Prüfungskomitees einen entsetzlich schlechten 8-Millimeter-Film drehen, zu dem ich das Drehbuch liefern sollte, da ich noch unvorstellbar weniger Fachwissen hatte als mein älterer Bruder. Ich benötigte fürs Schreiben nur wenige Stunden, da der Film insgesamt auch nur wenige Minuten dauern sollte.

Die Handlung ist schnell erzählt: in einer billigen Absteige eines Pariser Vororts streiten sich zwei ehemalige Fremdenlegionäre um Geld, das sie vorher geklaut hatten. Wo genau das Geld herkommt, wird nicht erzählt. Ich wollte mich damals nicht mit unwichtigen Details aufhalten, die auch die Botschaft und Ästhetik des Films zerstört hätten. Jedenfalls kommt es in meinem kurzen Thriller zum Kampf der beiden Kontrahenten, in dessen Verlauf einer der Männer aus dem Fenster fällt, vor die Füße einer knapp 50-jährigen Frau, gespielt von meiner Mutter. Die kräftige Dame schleppt den toten Mann – in Wahrheit natürlich nur eine Puppe – die vier Stockwerke hoch und legt ihn mit den Worten: „Ich glaube, Sie haben was verloren!“ zurück ins Hotelzimmer. Der Gauner antwortet perplex: „Danke, das ist aber sehr aufmerksam von Ihnen!“ Hier endete mein Erstlingswerk „Die Aufmerksame“ abrupt und entließ nach der Uraufführung im Wohnzimmer zwei nicht sehr begeisterte Zuschauer: Vater und Mutter.

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